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Welterbe Quedlinburg : Stoppt den Verfall

  • -Aktualisiert am

Maroder Ägidikirchhof Bild: Steffen Kecke

Die Welterbe-Stadt Quedlinburg braucht dringend Hilfe, denn die Stadt ist pleite. Erste Abrisse im Harzvorland sind Alarmsignale.

          Als im Jahr 1994 die Unesco Quedlinburg ins Weltkulturerbe aufnahm, da war es gerade fünf Jahre her, dass der örtliche „Runde Tisch“ die Flächenabrisse in der Stadt gestoppt hatte. Die Oberen der DDR hatten von der Fachwerkstadt nur noch den Marktplatz, das Schloss und ein paar Kirchen übrig lassen wollen, dazu ein paar barocke Haustüren nebst Satteldächern und Fachwerkornamenten, die in den ersatzweise errichteten Plattenbauvierteln „historische Akzente“ gesetzt hätten. Es war also eine gute Portion Hoffnung im Spiel, dass die höheren Weihen der Unesco die Mildtätigkeit der Politik nach sich ziehen würden, angesichts einer Stadt mit nur noch 2.600 Einwohnern im Zentrum, das todgeweiht schien, ergraut, verfallen, einsturzgefährdet.

          Sie schien sich mit einer Vielzahl restaurierter und sanierter Fachwerkzeilen zu erfüllen. Doch nun ist in Quedlinburg eine Welterbe-Studie im Gang, die den Bestand bis in alle Winkel erfasst. Sie kommt zu ernüchternden Ergebnissen: 250 Häuser im gut neunzig Hektar großen Unesco-Gebiet, heißt es darin, stehen leer, und 150 davon seien „akut bedroht“. Das ist pikanterweise dieselbe Zahl, die siebzehn Jahre zuvor in den Festreden zur Aufnahme Quedlinburgs ins Welterbe genannt wurde, in Anwesenheit politischer Prominenz vom Bundespräsidenten abwärts.

          Mindestsumme unterschritten

          Es sind gewiss 150 andere Häuser als damals, die jetzt darauf warten, dass sich die Nation wieder um sie kümmert. Doch das Problem ist in seinen Dimensionen immer noch nicht gänzlich erkannt: 1.200 Fachwerkhäuser hat Quedlinburg, aber das sind nur die an den Straßen.

          So zeigt sich Quedlinburg gerne: denkmalgeschützte Fachwerkhäuser von ihrer schönsten Seite

          Weil viele dazukommen, die in Höfen verborgen sind, zählt die noch laufende Untersuchung inzwischen weit mehr als 3.000 Fachwerkbauten zur gesamten Bausubstanz insgesamt. Auch von diesen oft verborgenen Denkmälern verfallen viele. Und da in zahlreichen Häusern nur noch ein oder zwei betagte Bürger wohnen, zeichnet sich die nächste Leerstandswelle schon ab.

          In dieser Situation ist die Zahl von jährlich sechs Millionen Euro Bauinvestition noch zu niedrig gegriffen, die der frühere Präsident der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, als Minimum zum Substanzerhalt genannt hat. Zwar sind seit der Wende gut 120 Millionen Euro Fördermittel aus Landes-, Bundes- und EU-Töpfen in die Stadt geflossen, aber die Kurve weist seit acht Jahren steil nach unten und hat die Mindestsumme längst unterschritten.

          Kulturelle Reichtümer

          Oberbürgermeister Eberhard Brecht musste unlängst gar den Offenbarungseid leisten. Die kleine Stadt ist pleite. Sie kann die Eigenmittel, die zur Bewilligung der Fördergelder Voraussetzung sind, nicht aufbringen, und will deshalb erstmals keine Förderanträge mehr stellen. Dass es nicht schon früher dazu kam, hat mit Gottfried Kiesows Liebe zu Quedlinburg zu tun: Die Stiftung übernahm den städtischen Eigenanteil, doch nun rebellieren westliche Bundesländer dagegen.

          Dabei ist zutiefst beeindruckend, was schon erreicht ist. Gut zwei Drittel der Häuser, schätzt der örtliche Bauträger Baubecon, wurden nicht nur saniert, sondern sind auch bewohnt, das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit in den ostdeutschen Schrumpfstädten.

          Es leben inzwischen 3.000 Einwohner mehr als zur Wende in Quedlinburg, und sie wissen sichtlich zu schätzen, was eine Stadt verwinkelter Häuser, romantischer Höfe und kultureller Reichtümer zu bieten hat. Bau- und Familienplanung gehen Hand in Hand, Selbständige aus Berlin finden ihre Wochenendidylle, Senioren ihren Ruhesitz. Wer das mittelalterliche Puzzle der Altstadt und das milde Klima des Harzvorlands zu schätzen weiß, findet viel Lebensqualität.

          Erste Alarmsignale

          Doch das verbleibende Drittel von Gebäuden im Verfall ist keine allmählich schwindende Größe. Zwanzig weitere Jahre der Vernachlässigung haben viele Häuser zu Ruinen gemacht, und nun wachsen sie sich zur Gefahr für die sanierte Umgebung aus. Von Giebel zu Giebel droht das Übergreifen von Hausschwamm und Feuchtigkeit. Es sind die großen Patrizierhäuser und die Eckhäuser, die kaum Nachfrage finden, deren Verlust aber das Stadtbild aufbräche.

          Was vom Zusammenhalt einer Gasse bleibt, wenn einzelne Häuser abgerissen werden, ist seit kurzem in der „Pölle“ zu besichtigen. Diese ersten Abrisse im Welterbegebiet, abgesehen von einem Einsturz im Nikolaikirchhof in den neunziger Jahren, sind ein Alarmsignal, doch Häuser lassen sich genug finden, auf deren Zukunft man nicht wetten möchte.

          Unesco-Ehrentitel verpflichtet

          Die Touristen, die vom Markt an Cafés und Boutiquen entlang zum Schlossberg strömen, ahnen das kaum. Aber vom Rathaus erreicht man schon in ein paar Schritten weniger besuchte Viertel in der - ebenso mittelalterlichen - Neustadt, wo in Straßenzügen wie dem Steinweg der Leerstand grassiert, im lauschigen Nikolaikirchhof die Lichter nach und nach ausgehen, und im Ägidikirchhof acht hochaufragende Fachwerkhäuser verbrettert und vernagelt sind, die vor Jahren noch als Sanierungsschwerpunkt galten.

          Quedlinburgs Ausstieg aus der Förderung, beruhigt man im Rathaus, sei nur vorübergehend. Aber Unsicherheit ist Gift für potentielle Bauherren. Ohne einen Sockel an Fördermitteln ist alles Hoffen auf Rettung für die einstürzenden Altbauten vergebens. Ein in der Stadtsanierung erfahrener Architekt bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass er derzeit guten Gewissens keinen Bauherrn ermutigen könne, ein Projekt in der Altstadt anzufangen. Ohne Nutzer, sagt der Oberbürgermeister lapidar, ist auch ein Welterbe nicht lebensfähig. Lokale Kräfte sind überfordert, die Stadt des ottonischen Domschatzes der Menschheit als Kulturgut zu erhalten. Man muss daran erinnern, dass durch den Unesco-Ehrentitel sich die gesamte Nation zu dieser Aufgabe verpflichtet hat.

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