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Weltbiodiversitätsrat : Tanz der Weisen

Gepard im Masai-Mara-Nationalpark Kenia. Bild: dpa

Ein Glücksmoment der Entschleunigung: Der von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltbiodiversitätsrat zur Rettung der Artenvielfalt trifft eine weitreichende Entscheidung. Nur deren Vermittlung ist sonderbar.

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          Eine ganz sonderbare Begebenheit, die sich am vergangenen Samstag zur Mittagszeit in Paris zugetragen hat, lässt uns nicht ruhen. Man könnte sie, wenn sich die Nachricht darüber nicht wie üblich bei Anlässen dieser Kategorie eiligst auf Twitter verbreitet hätte, als Glücksmoment der Entschleunigung auffassen. Menschen lagen sich in den Armen, Regierungsvertreter aus 132 Ländern beglückwünschten sich, Gelehrte und Aktivisten applaudierten, es war wie zu den allerbesten und zugleich makabersten Zeiten der globalen Weltrettungsdiplomatie. Ein emotionaler, ein historischer Moment. Im Pariser Kongress-Saal war zuvor ohne jede Gegenstimme ein Dokument verabschiedet worden, das, kurz gesagt, die wissenschaftlich gesicherte Begründung dafür liefern soll, den Schutz der Natur weltweit vom Bettelstatus der Armenfürsorge in den Rang einer geopolitisch anerkannten Menschheitsaufgabe zu heben.

          Der von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltbiodiversitätsrat IPBES meldete also Vollzug. Und war damit nach langem Anlauf endlich auf einer Höhe mit dem Weltklimarat IPCC. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass die brisanten Inhalte zur menschgemachten sechsten Aussterbewelle in der Erdgeschichte, die nun in den Hauptstädten weiter verhandelt werden soll, von den Naturweisen nicht sofort an die große Glocke gehängt wurden, sondern für zwei Tage unter Quarantäne bleiben sollten. Sperrfrist Montagmittag.

          Zwei Tage früher oder später, das ist im reißenden Informationsstrom unserer Zeit eine Welt, aber es ist natürlich auch gar nichts, wenn wir in Rechnung stellen, welche gewaltigen Umwälzungen des Lebens auf unserem Planeten als Folge dieser mittlerweile als „globale Öko-Inventur“ angekündigten Schrift künftig verhandelt werden müssen. Generationen werden sich damit beschäftigen. Wozu also hetzen?

          Zeit genug jedenfalls, ins Regal zu greifen zu einem der antiquarischen Bücher zum Thema, das sich im Lichte des angekündigten Apokalypsenberichts schließlich als eine der großen Schriften zeitgenössischer deutscher Naturphilosophie erweisen wird. Ein Werk von dermaßen prophetischer und ökologisch hingebungsvoller, ja manchmal auch erfrischend literarisch-selbstironischer Art, dass das lange Warten auf die Zahlenlawinen, die wir vom Weltbiodiversitätsbericht zu erwarten haben, auf eine erhabene Weltsekunde schmilzt. „Wer hat denn etwas gegen die Natur?“, fragt Hubert Markl an entscheidender Stelle, wo es um die Verhinderung des „Erstickungstods der Arten“ durch die „Einschnürung“ ihrer Lebensräume geht. „Warum soll denn der Mensch, dies Kind der Natur, zum Muttermörder werden?“ Der vor vier Jahren verstorbene Biologe aus Konstanz, der es als einziger Universitätsprofessor je zum Präsidenten der ehrwürdigen Max-Planck-Gesellschaft gebracht hatte, nahm in seinem denkwürdigen Band „Natur als Kulturaufgabe“ nicht nur Details, Quantitäten und die Gründe des massenhaften Artensterbens auf unserem Planeten vorweg. Er bereitete uns überhaupt für den Umzug ins neue Erdzeitalter des „Anthropozoikums“ vor. 33 Jahre ist das her. Zeit, dass die Kinder der Natur aufwachen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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