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Wellenreiter : Saddam, hol dir deine Paläste zurück

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WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Futter für das kollektive Bewußtsein einer ganzen Generation: die Bilder von der Festnahme Saddams. In den arabischen Medien polarisiert die Erfahrung, daß eine westliche Macht der Schreckensherrschaft ein Ende bereitet und den ehemaligen Potentaten als Clochard vorgeführt hat.

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          Freudentänze über den Sturz eines Diktators sind in der arabischen Welt zwar selten, aber keineswegs neu. Arabische Tyrannen sind im vorigen Jahrhundert immer wieder entmachtet und umgebracht worden, allerdings geschah dies fast ausschließlich durch die Hand arabischer Usurpatoren - zu denen seinerzeit im übrigen auch der junge Saddam Hussein gehörte. Daß jetzt eine westliche Macht der Schreckensherrschaft des irakischen Diktators ein Ende bereitet hat und den einstigen Potentaten obendrein als angeblich verwahrlosten Clochard - in Wahrheit wohl eher Tarnung als existentieller Zustand - der Weltöffentlichkeit vorgeführt hat, ist eine völlig neue Erfahrung, die in der arabischen Welt erst noch verdaut werden muß. Und so ist auch Saddams Festnahme in der arabischen Presse mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden.

          In einer Karikatur der Zeitung "Al-Sharq Al-Awsat", nicht die einzige ihrer Art, erhält ein den Irak symbolisierender Araber Glückwünsche von einem dickbäuchigen stereotypisierten "Uncle Sam", neben dem der gefangene Saddam steht, gefesselt und mit Eisenkugel am Bein - wie der Iraker auch. Bei den Tränenausbrüchen spalteten sich, so der Kommentator Abdelrahman al Rashed im selben Blatt, die Araber in zwei Lager. Die einen, wohl zumeist Iraker, führten nach der Gefangennahme des gefürchteten Schlächters Freudentänze auf. Die anderen hingegen - und keineswegs wenige in der arabischen Welt - betrauerten die Erniedrigung ihres Helden Saddam, dem sie früher zugejubelt hatten, während über das Schicksal der von ihm grausam verfolgten Kurden und Schiiten Stillschweigen bewahrt wurde.

          Für al Rashed offenbaren diese Reaktionen einmal mehr die politische Kurzsichtigkeit der Araber und ihre Uneinigkeit. So scherten sich die Anhänger Saddams, die sich von ihm die Befreiung Palästinas versprachen, nicht um die Opfer seiner Diktatur im Irak. Und umgekehrt habe sich manch ein Iraker, der der Befreiung vom Joch Saddams entgegengefiebert habe, kaum Gedanken darüber gemacht, welche Verbrechen dieser außerhalb der eigenen Landesgrenzen verübt habe.

          Spaltung auch in den Widerstandskräften

          Saddams Festnahme dürfte jetzt auch bei den Kräften des Widerstands gegen die militärische Besetzung des Iraks zu einer Spaltung geführt haben. Jenem Teil der Widerständler, so schreibt Ghassan Charbel in der Zeitung "Al-Hayat", die Gegner des Baath-Regimes seien, sei der untergetauchte Diktator mit seinen immer wieder über die Medien verbreiteten Botschaften ein Dorn im Auge gewesen. Seine wiederholten Auftritte hätten ihr Mobilisierungspotential erheblich eingeschränkt, da die Menschen, solange Saddam sich zum Anführer des Widerstands stilisiert habe, seine Rückkehr fürchteten.

          Im gegenwärtigen Freudentaumel betrachtet Charbel, was für viele arabische Kommentatoren typisch zu sein scheint, Saddams Anhängerschaft als besiegt. Er ignoriert, daß diese noch längst nicht geschlagen ist, und blickt optimistisch in die Zukunft: In einem demokratischen Irak solle man, nachdem der Ex-Diktator in einem fairen Prozeß seiner gerechten Strafe zugeführt worden sei, Vernunft walten lassen und auf Racheakte an den Vertretern des alten Regimes verzichten. Nur eine nationale Versöhnung könne dem Irak eine friedliche Zukunft garantieren, und je früher dies geschehe, um so schneller werde die fremde Besatzung des Landes beendet werden können.

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