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Wellenreiter : Kylies Kinderkram

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WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Eine neue Persönlichkeit jenseits der Dreißig? Kein Problem, sagen uns die Charakterforscher. Eine neue Facette zeigt auch Kylie Minogue: Ganz konservativ beklagt sie die „Pornografisierung des Pop“.

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          Persönlichkeitspsychologie war für viele Menschen lange Zeit ein Feld des Frustes. Man kann, so lehrte uns die Wissenschaft, einfach nicht heraus aus seiner Haut, und was in dieser drin ist, wird in den frühesten Lebensjahren festgelegt. Erziehung und Umwelt tragen ihren Teil dazu bei, irgendwann aber ist der Charakter zu Ende entwickelt. Es galt die Regel: Wer mit dreißig in den Spiegel schaut und nicht mit sich zufrieden ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Person, die ihm entgegenblickte, würde ihn sein Leben lang begleiten.

          Jetzt aber gibt es für alle, die mit ihrer Persönlichkeit Probleme haben, neue Hoffnung: „Jeder kann sich ändern!“, frohlockt „Focus“ an diesem Montag in seiner Titelgeschichte, sogar noch die über Dreißigjährigen. „Nicht mit 30 stabilisiert sich die Persönlichkeit, sondern erst mit 50 verfestigen sich die Charakterzüge“, berichtet das Magazin über die neuesten Erkenntnisse der Forschung. Und nennt als Beispiele bekannte Vielveränderer: Joschka Fischer, Ozzy Osbourne, den Neu-Politiker Arnold Schwarzenegger.

          Gesundes Stadtleben

          Daß sich viele Zeitgenossen überhaupt nicht verändern und stets auf denselben Bahnen durchs Leben ziehen, liegt dem Bericht zufolge nicht daran, daß sie es nicht anders können, sondern daran, daß sie es nicht anders wollen: Sie sind offensichtlich mit sich im Reinen. Wem es anders ergeht, dessen charakterliche Veränderung beginnt zumeist durch ein äußeres Ereignis, durch einen Umzug etwa oder eine Krankheit. „Focus“ präsentiert uns zur Veranschaulichung ein eineiiges Zwillingsbrüderpaar, dessen Entwicklung nach dem Umzug des einen nach Hamburg durchaus unterschiedlich verlief: Der Stadt-Bruder ist entspannter, kleidet sich auffälliger, gab das Rauchen auf und ließ sich einen Bart wachsen.

          Eine, die sich ebenfalls deutlich verändert hat, obwohl sie schon über dreißig ist, ist die Sängerin Kylie Minogue. „Als ich meine Karriere begann, galt ich als Pop-Püppchen - und ich war tatsächlich ein Püppchen, das staunend die Musikindustrie bewunderte“, bekennt Minogue im Interview mit dem „Spiegel“. Lange Jahre schien sie sogar völlig weg vom Fenster, bis sie mit dem Song „Can't Get You Out of My Head“ ein fulminantes Comeback erlebte - und nun ihrerseits von Millionen bewundert wird.

          Kinderkram bei MTV

          Keine verschwindend kleine Minderheit freilich ist der Ansicht, daß Frau Minogues jüngste Erfolge weniger auf ihre Musik als vielmehr auf den Einsatz ihres Körpers sowie dessen wechselnde, doch stets knappe Bekleidungen zurückzuführen sei. Daher muß es überraschen, wenn gerade sie sich im „Spiegel“-Interview über eine „Pornografisierung der Popkultur“ beklagt. Vorsichtige Kritik des „Spiegel“, daß sie doch daran selbst nicht ganz unschuldig sein könnte, weist sie entschieden zurück: „Daß ich mal ein sehr eng sitzendes goldglitzerndes Höschen trage, ist gegen vieles, was heute so im Musikfernsehen läuft, Kinderkram.“

          Ihre eigene „Nacktheit“ sei, im Gegensatz zu der vieler anderer Popstars, „ein Spiel“, glaubt Minogue. „Sie ist nie bedrohlich. Nie finster. Ich habe bei allem, was ich anfange, eine Leichtigkeit. Ich bin eine freundlich schnurrende Katze in einer Popwelt, in der alles immer verbissener wird.“ Zu diesem Spiel gehört, daß ihr neues Album „Body Language“ heißt. Kylie Minougue aber ist überzeugt, sich gegenüber früheren Jahren wiederum verändert zu haben - und zwar, wie sie sich ausdrückt, in Bezug auf ihr „Körpervokabular“.

          Nichts Aufreizendes

          Im Vergleich zu „Can't Get You Out of My Head“ sei etwa das Video zu ihrer neuen Single „Slow“ ein „gewaltiger Schritt zurück!“, behauptet die Sängerin. „Ich liege da einfach rum und tue nichts besonders Aufreizendes“, sagt sie, die mit solchen „harmlosen Bildern gegen den anschwellenden Strom der Pop-Erotik“ schwimmen möchte. Bei allem Respekt: „Einfach rumliegen“ sieht schon etwas anders aus. Natürlich denken wir auch bei diesem Video wieder an ein Spiel, das gleichwohl nicht ohne aufreizende Wirkung bleibt.

          Gut, Frau Minogue ist in diesem Video für ihre Verhältnisse recht bekleidet. Sie liegt auf einer Matte, aber dort nicht „einfach nur rum“, sondern räkelt sich in diversen Positionen, ebenso wie die Damen und Herren, die um sie herum auf dem Boden liegen. Das sieht ein bißchen aus wie Gymnastik und wie Trockenschwimmen, zusammen mit der schwülen Musik und den typischen Kylie-Minogue-Blicken aber will uns das Ganze gar nicht wie Kinderkram erscheinen. „Read My Body Language“, haucht Kylie, und so sehr wir es auch versuchen, wir lesen genau das aus den Bildern heraus, womit sie doch gar nichts zu tun haben möchte: Pop-Erotik, wenn auch der etwas merkwürdigen Natur. Aber vielleicht haben wir nur unser Körpervokabular nicht richtig gelernt.

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