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Wellenreiter : Küssen ist wichtig für den Artikel

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Gegen den Geständniszwang: Ein neues Magazin für Lesben will die Klischees der humorlosen, verbissenen Zicken bekämpfen. Das Heft überrascht mit einem Interview Wolfgang Petrys und dem Outing einer Ente.

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          In ihrem hohen Alter ist die Dame nun doch noch geoutet worden. Ganz am Schluß des Heftes, auf der Horoskop-Seite, taucht ihr Foto beim Sternzeichen Schütze auf, und weil alle auf dieser Seite Dargestellten lesbisch sind, muß sie es also auch sein: Gundel Gaukeley, Entenhausens namhafteste Hexe, kann demnach nicht nur mit Dagobert Duck, sondern mit Männern im allgemeinen wenig anfangen. Das war uns neu, aber so richtig offen lebt seine Sexualität ja keiner der Bewohner Entenhausens aus.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit dieser Enthüllung müssen sich die Leser von „L-Mag - Magazin für Lesben“, das seit Monatsanfang am Kiosk erhältlich ist, schon begnügen: Niemand, von dem man es nicht hätte wissen können, wird hier gegen seinen Willen geoutet. Solche archaischen Methoden würden gar nicht passen zu „L-Mag“, das sich als modernes, journalistisch professionelles Magazin versteht und „eine souveräne, unverkrampfte und lustvolle Sichtweise“ bieten möchte. An den jüngsten Diskussionen um die CDU-Politikerin Annette Schavan interessiert „L-Mag“ dann auch nicht deren sexuelle Orientierung, sondern der von der Gesellschaft auferlegte „Geständniszwang“: „Das Geständnis ist immer eine Unterwerfungsgeste mit Versprechen auf Erlösung, und es durchtränkt die homo- wie die heterosexuelle Outingkultur.“

          Modestrecke und Kochtips

          Oberstes Anliegen des „L-Mag“ ist es, mit Vorurteilen über lesbische Frauen aufzuräumen und, wie es im Editorial heißt, Klischees zu bekämpfen „über lustfeindliche, geizige, verbissene Zicken. Zeigen wir, daß es besser geht!“ Mit dem modischen Pocket-Format sucht man die Nähe zu den zahllosen Frauen- und Mädchenheften, die in den vergangenen Monaten auf den Markt kamen, und auch inhaltlich ist man nicht allzuweit von diesen entfernt - es gibt eine kleine Modestrecke und sogar Kochtips, aus aktuellem Anlaß aus der Ukraine. Die besprochenen Bücher und Filme kreisen sämtlichst ums Lesbendasein, wer sich für Kultur außerhalb dieses Themenfelds interessiert, muß zu anderen Medien greifen; aber so ist das nun einmal mit Special-Interest-Magazinen.

          Nicht langweilig, sondern locker und lustvoll möchte „L-Mag“ sein, und daß dieser Anspruch häufig durchaus eingelöst wird, mag der Beginn des Interviews belegen, das eine „L-Mag“-Reporterin mit der Kabarettistin Marion Scholz geführt hat: „Du siehst gut aus, du kannst gut singen, du kannst gut küssen: Warum gibt es dich noch nicht als Poster?“ - „Das weißt du doch noch gar nicht, wie ich küsse.“ - „Stimmt. Aber es wäre wichtig für diesen Artikel.“ - „Okay, ein Filmkuß ist drin.“ - „Jetzt?“ - „Ja.“ Und sie küssen sich. Von einem solchen Dialog, etwa mit Angelina Jolie, können männliche, heterosexuelle Journalisten nur träumen.

          Genießerinnen schließen die Augen

          Ohne jede Prüderie werden in „L-Mag“ Testberichte über Dildos erstellt („Man kann ihn, glaube ich, auch kochen, wenn man will“). Noch viel ausführlicher aber widmet sich die Zeitschrift einem erotischen Spiel, das Männerzeitschriften gemeinhin links liegen lassen: dem Kuß. Dieser sei „Erfüllung und Verheißung zugleich“, schwärmt die Autorin, er sei „verbunden mit einer starken Gefühlsregung, die alle Sinne involviert“, und die Leserinnen erfahren gar, daß „wahre Genießerinnen beim Küssen immer die Augen schließen“. Solch naive Begeisterung mag man belächelnswert finden, doch wer weiß: Vielleicht animiert der Bericht ja manch scheue Leserin dazu, sich ein Herz zu fassen und die Angebetete endlich zu küssen. Schließlich ist nicht jede Lesbe stark und selbstbewußt, wie auch die Kummerkasten-Briefe bezeugen: „Mein Problem ist, daß ich mich nicht traue, Frauen kennenzulernen, ohne unter Alkohol zu stehen.“

          Daß „L-Mag“ wirklich keinerlei ideologische Grenzen kennt, erkennt man daran, daß kein anderer als Wolfgang Petry interviewt wird. Der vielgeschmähte Schlagersänger mit Schnauzbart und Zottelmatte ist der Redaktion aufgefallen, weil er in seinem Lied „Ich komm mit allen klar“ auch Schwule und Lesben besingt. „Das unvermutete Interview“ nennt „L-Mag“ das Gespräch, das freilich - nicht ganz unvermutet - kein intellektuelles Highlight ist („Die große Zahl an Freundschaftsbändern an deinem Arm ist legendär. Wie schaffst du diese große Nähe zu deinen Fans?“ - „Ich interessiere mich für Menschen und gehe offen auf alle zu.“)

          Ein wirklicher Newcomer ist „L-Mag“ nicht; schon sechsmal war das Heft kostenlos erschienen und hat sich einen Leserinnenkreis aufgebaut, der nun aber zur Kasse gebeten wird. 2,90 Euro kostet „L-Mag“ im Handel. Und wenn die im Editorial geäußerte Überzeugung stimmt, daß Lesben weder humorlos noch zickig, vor allem aber nicht geizig sind, dann sollte das Heft keine Probleme haben, sein Publikum zu finden.

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