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Wellenreiter : Ihre Frage ist idiotisch

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WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Ob ein Interview gut wird oder schlecht, entscheidet sich oft schon mit der ersten Frage - ganz bestimmt aber mit der ersten Antwort. Eine kleine Stilkunde mit Beispielen aus den Interviews der Zeitungen dieses Tages.

          3 Min.

          Was ist ein hervorragender Beginn für ein Interview? Zum Beispiel dieser hier:

          taz: Schön, Sie mal persönlich kennen zu lernen.

          Stuart Murdoch: Warten wir lieber mal ab.

          Ein Gespräch, das so anfängt, möchte man auf jeden Fall weiterlesen, selbst dann, wenn man Stuart Murdoch gar nicht kennen sollte und auch nicht die Musik seiner Band, „Belle & Sebastian“ aus Schottland, die gerade ihr neues Album namens „Dear Catastrophe Waitress“ herausgebracht hat. Und wer das Interview weiterliest, das die „taz“ an diesem Freitag druckt, der muß es auch nicht bereuen.

          Ob ein Interview gut wird oder schlecht, entscheidet sich oft schon mit der ersten Frage, ganz bestimmt aber mit der ersten Antwort. Im obigen Fall handelte es ich beim ersten Satz überhaupt nicht um eine Frage, sondern um eine Feststellung, um verbales Vorgeplänkel, das normalerweise nie gedruckt worden wäre. Die Entgegnung des Gesprächspartners aber machte den Abdruck geradezu zwingend. So ist in diesem Fall die erste Frage, die gar keine ist, wesentlich besser als richtige erste Frage anderer Gespräche, die sich ebenfalls in Zeitungen dieses Freitags finden.

          Die Welt: Wie beurteilen Sie die Reformpläne der Bundesregierung?

          Frank Bsirske: ...

          Müssen wir hier wirklich präsentieren, was der Verdi-Chef auf eine solche Frage antwortet? Erwartet hier irgendjemand etwas Neues, Überraschendes, etwas, das das mit dieser Frage vorgegebene Niveau nicht noch weiter in den Keller zieht? Also gut: Sollte das tatsächlich jemand lesen wollen, hier ist die Antwort. Allen anderen empfehlen wir, den folgenden Absatz zu überspringen.

          Frank Bsirske: Die rot-grüne Koalition will bei der Reform des Arbeitsmarktes und bei der Rente Positionen durchsetzen, die in eklatantem Widerspruch zum Wahlprogramm der Regierungsparteien und zur Koalitionsvereinbarung stehen. Ich fürchte, dadurch setzen SPD und Grüne ihre Mehrheitsfähigkeit aufs Spiel. Sie haben ihre Kernwählerschaft enttäuscht, indem sie die Lasten einseitig den kleinen Leuten aufbürden. Das Versprechen, Wachstum und Gerechtigkeit zusammenzuführen, nehmen viele Wähler Rot-Grün gegenwärtig nicht mehr ab.

          Sehen Sie? Wir hatten Sie gewarnt. Zur Entschädigung bieten wir nun noch einen weiteren Absatz aus dem „taz“-Gespräch mit Stuart Murdoch an, das uns auch im weiteren Verlauf großen Spaß macht.

          taz: Im neuen Vertrag steht aber nicht, daß Sie nun auch Interviews geben müssen?

          Murdoch: Quatsch, nein, wir sind einfach reifer. Früher fehlte uns einfach das Selbstbewußtsein. Ich hatte vorher gerade mal im Kirchenchor gesungen - und hatte schon Angst, wenn ein Solo verlangt war. Außerdem sahen wir für eine Popband ziemlich beschissen aus.

          taz: Sie tragen gerade Schlaghosen, Birkenstocksandalen und Socken...

          Murdoch: Soll das heißen, wir sehen immer noch beschissen aus?

          taz: Na ja, zumindest merkwürdig.

          Wer trägt mehr Verantwortung für das Gelingen eines guten Gespräches - der Interviewer oder Interviewte? Es ist sicher so, daß man das Interview mit einer interessanten, am besten prominenten Persönlichkeit auch dann liest, wenn die Fragen grottenschlecht sind. Und einem inspirierten Interviewten kann es gelingen, das Gespräch trotz einer völlig verunglückten Einstiegsfrage doch noch auf die richtige Bahn zu bringen.

          Frankfurter Rundschau: Soeben hat man Sie zum Regisseur des Jahres ernannt. Was bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnung?

          Christof Loy: Natürlich freue ich mich, alles andere wäre auch idiotisch.

          Er hätte auch sagen können: Ihre Frage ist idiotisch. Glauben Sie, ich ärgere mich über den Titel? Das aber wäre dann doch zu unhöflich.

          Derweil kann auch ein guter Interviewer nur selten etwas retten, wenn das Gegenüber schlecht aufgelegt ist oder nur Antworten gibt wie aus dem Floskelautomat. An einem Mann wie dem Verdi-Chef muß die „Welt“ auch dann scheitern, wenn sie sich zu einer Frage aufrafft, die gar nicht mal so dumm ist.

          Die Welt: Sie vertreten konservative Schrebergärtner, Schauspieler und Altkommunisten. Wie geht das?

          Bsirske: Vergessen Sie die vielen Frauen nicht: Bei Verdi sind rund 1,4 Millionen Frauen organisiert. Das ist mir ganz wichtig.

          In der „Welt“ ist aber auch Platz für gute Interviews. Zum Beispiel an diesem Freitag für ein Gespräch mit Charlotte Roche, mit der indes ein schlechtes Interview vermutlich auch gar nicht möglich ist. Schließlich ist sie selbst für hervorragende Gespräche bekannt und weiß genau, was geht und was nicht.

          Die Welt: Was wollen Sie nicht, wenn Sie Interviews führen?

          Charlotte Roche: Letztens hat mich zum Beispiel eine Frage in der NDR-Talkshow total aufgeregt. Da war die Gruppe „Fettes Brot“ zu Gast, und die Moderatorin wollte vor allem wissen, woher der Bandname stammt. Das ist ein absoluter Töter, eine so platte, plumpe Frage zu stellen, daß eine Band den Namen erklären muß. Man kann viel mehr als gewußt voraussetzen - oder es kann den Leuten egal sein, warum die so heißen.

          Der Beginn des Roche-Gesprächs ist guter Durchschnitt, es steigert sich aber stetig und hat vor allem einen würdevollen Abschluß. Der Interviewer spricht ein Thema an, das wohl unvermeidbar ist, allerdings auf eine behutsame Art und Weise; die Interviewte antwortet höflich und offen, bewahrt aber zugleich eine Grenze. Und hat damit nicht nur die Frage der „Welt“, sondern sämtliche zukünftigen Medienfragen, die in diesen Bereich zielen, ein für allemal beantwortet.

          Die Welt: Wenn Sie jetzt an meiner Stelle gewesen wären, hätten Sie nach dem Tod Ihrer drei Brüder gefragt, über deren Autounfall groß in den Medien berichtet wurde?

          Roche: Ich würde einen Trick anwenden und mich nach meinen Erfahrungen mit Ihren Kollegen von den Boulevardzeitungen fragen, die damit schlimm umgegangen sind.

          Die Welt: Das wäre ein Ausweichen.

          Roche: Alles andere wäre aber zu privat. Es geht einfach Deutschland nichts an, wie ich damit fertig werde, daß ich drei Brüder verloren habe.

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