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Wellenreiter : Guter Rat, sehr teuer

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WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Florian Gerster tut das, was seine Aufgabe ist, und schafft einen neuen Job - und trotzdem erntet er Kritik. Dabei beweist die Aufregung, daß die Bundesanstalt für Arbeit tatsächlich nichts nötiger hat als einen guten Medienberater.

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          Warum regen sich eigentlich alle so auf? Verfolgt man die Medienberichterstattung von Sonntag und Montag, so scheint doch eines ganz offensichtlich: Florian Gerster hat einen Medienberater dringend nötig. Gerade jetzt. Den Chef der Bundesanstalt für Arbeit gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die nun von allen Seiten auf ihn zielen, das wäre für einen Berater die Feuertaufe, eine wahre Herkulesaufgabe, vergleichbar fast dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit.

          Leider aber ist die Berliner Firma WMP EuroCom AG lediglich damit beauftragt, eine „umfassende Bestandsaufnahme des gesamten Kommunikationsbereichs der BA, die Empfehlung einer Neuordnung sowie die Entwicklung eines integrierten Kommunikationskonzeptes“ zu erbringen, wie die Agenturen melden - nicht aber damit, Florian Gersters Kopf zu retten. Dabei könnte sie womöglich Großes bewirken: „Wir unterstützen Sie besonders bei schwierigen Fragestellungen im Zusammenhang mit Kommunikationsproblemen“, heißt es auf der Firmen-Homepage. „Wir sorgen für öffentliche Meinungsbildung und sind spezialisiert auf mediales Krisenmanagement.“

          Ein neuer Job

          Was wird Gerster nun, noch auf sich alleine gestellt, zu seiner Verteidigung vorbringen können? Daß er, wenn auch zum stolzen Preis von 1,3 Millionen Euro, einen Job geschaffen hat? Profiteur davon ist der verdiente Medienfachmann Bernd Schiphorst, der mit sechzig Jahren - einem Alter, in dem sich so viele schon zur Ruhe setzen - vor Aktivität noch übersprudelt: Ohne die Länder einen Cent zu kosten, wirkte er bis unlängst als Medienbeauftragter Berlins und Brandenburgs, außerdem ist er Präsident von Hertha BSC und immer dann automatisch im Gespräch, wenn es irgendwo einen Führungsposten neu zu besetzen gibt - zuletzt als Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga. Und demnächst womöglich als neuer Chef der Bundesanstalt für Arbeit?

          Schiphorst ist somit ein perfektes Beispiel für den Arbeitnehmer, wie man sich ihn in Deutschland heute wünscht: In hohem Maße flexibel und selbständig und organisatorisch so begabt, daß er problemlos eine ganze Reihe von Mini-Jobs unter einen Hut bringen kann - wobei es sich in Schiphorsts Fall eher um Maxi-Jobs handelt. Und stets so engagiert bei all seinen Sachen, daß er den denkbar größten Kontrast darstellt zum neuen deutschen Angestelltentypus, den die „Süddeutsche Zeitung“ an diesem Dienstag beobachtet hat: den Beschäftigten im Larvenstadium.

          Innere Kündigung

          „Die Stimmung in vielen deutschen Unternehmen sei auf dem Tiefpunkt angelangt, heißt es, und ein nicht geringer Teil der Beschäftigten flüchte sich in die 'innere Kündigung', wenn die äußere droht. Sie erreichen, wie es der Heidelberger Wirtschaftspsychologe Ralf Brinkmann verpackt, das 'Larvenstadium', das gleichgültig macht und die Angst abwehrt“, zitiert die „Süddeutsche“ neue Erkenntnisse der Angestelltenforschung. Besagte Larven „fallen nicht auf, halten den Kopf unten, geben keine Widerworte, stimmen mit der Mehrheit und verrichten ihre Arbeit dem äußeren Anschein nach zufriedenstellend“.

          Und die Larven werden immer mehr. Für Unternehmen liegt hierin eine nicht zu unterschätzende Gefahr, glaubt ein Wissenschaftler vom Frauenhofer-Insititut für Arbeitswirtschaft und Organisation: Sobald nämlich die Wirtschaft wieder anzieht und sich anderswo neue Jobs bieten, schwirren die Larven aus - und manch eine Firma steht dann ohne Personal da. Was eine Kettenreaktion auslösen könnte: Das Arbeitsmarktkarussell könnte sich bald heftigst drehen. Ob Florian Gerster davon noch wird profitieren können, scheint freilich ziemlich zweifelhaft.

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