https://www.faz.net/-gqz-q0ki

Wellenreiter : Fotos von einem Phantom

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Wiedersehen macht Freude: Daß der frühere Staatssekretär Pfahls nach fünfjähriger Flucht zurück in Deutschland ist, ist schön für die Ermittler - und für die Journalisten. Es erlöst sie von einem quälenden Bildproblem.

          3 Min.

          Es gibt doch noch Anlaß zur Freude in diesem Land. Ein alter Bekannter ist zurück in Deutschland, und wir wollen ihn ganz herzlich willkommen heißen. Daß er wieder unter uns weilt, ist ein echter Grund zum Feiern: Willkommen daheim, Ludwig-Holger Pfahls!

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wir müssen das vielleicht erklären. Pfahls war ja früher Rüstungsstaatssekretär und hat sich, als er unter den Verdacht der Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung geriet, abgesetzt. Vor sechs Monaten war er in Paris festgenommen und nun, am gestrigen Donnerstag morgen, nach Deutschland ausgeliefert worden. Daß wir das begrüßen, hat rein gar nichts mit Schadenfreude zu tun und soll auch keine Vorverurteilung sein. Nein - unsere Zufriedenheit hat allein journalistische Gründe.

          Auf der Flucht

          Wer je etwas über Ludwig-Holger Pfahls in Presse, Internet oder Fernsehen mitbekommen hat, der weiß, wie dieser Mann aussieht - nämlich so wie auf nebenstehendem Bild der Nachrichtenagentur dpa. Das heißt: So sah Ludwig-Holger Pfahls 1998 aus, vor seiner insgesamt fünfjährigen Flucht durch verschiedenste ferne Länder dieser Welt.

          Ludwig-Holger Pfahls (dpa)

          Berichtet wurde dennoch in regelmäßigen Abständen über ihn. Diese alle paar Monate erscheinenden Artikel trugen Überschriften wie „Pfahls in Hongkong gesichtet“, „Pfahls in Südafrika gesichtet“ „Pfahls in Taiwan gesichtet“ oder „Pfahls auf Bali gesichtet“.

          Wobei die Leute, die ihn gesichtet haben wollten, dummerweise nie eine Kamera bei sich trugen. Die Journalisten daheim, die die Sichtungen meldeten, illustrierten die Berichte dann meist mit obigem Foto der dpa oder auch diesem nebenstehenden Porträt der Nachrichtenagentur AP.

          Das Phantom

          „Das Phantom“ wurde Pfahls alsbald genannt. Unter einem „Phantom“ freilich stellt man sich gemeinhin eine düstere, geheimnisvolle Gestalt vor, die geduckt durch exotische Gebüsche steigt.

          Nicht aber das, was die zur Illustration der Texte zwangsläufig bemühten Fotos zeigten: das Paßbild eines krawattierten, ordentlich gescheitelten Bürokraten, der Pfahls ja auch gewesen ist - bevor er auf Abwege geriet.

          In dieser Zeit vermied es Pfahls im eigenen Interesse, sich fotografieren zu lassen. Ein echtes Problem für die Medien: Bei jeder neuen Pfahls-Meldung durchsuchten sie ihr Bildarchiv und stießen immer auf dasselbe Bild - mal mit, mal ohne Brille (siehe oben), immer aber vor blauem Hintergrund.

          Ein Mann am Strand

          Daß man so kaum aussieht, wenn man auf Bali unterwegs ist, war den Medien schmerzlich bewußt. Gut, es gab auch noch ein paar andere Bilder von Pfahls: ein altes Schwarzweißbild von 1985 zum Beispiel oder dieses nebenstehende hier, das immerhin vom Schauplatz ganz gut geeignet schien. Als undatiertes Urlaubsfoto minderer Qualität genügte es indes kaum den journalistischen Ansprüchen.

          Als im Juli vergangenen Jahres Holger Pfahls endlich festgenommen wurde, jubelten nicht nur die Strafverfolger, sondern auch die Journalisten. Endlich würden sie ihren Lesern und Zuschauern frische Ware anbieten können und der Realität ein bißchen näherkommen. Würde Pfahls so aussehen wie andere Wiederaufgetauchte der Weltgeschichte? Ohne Toupet, aber mit Schnauzer wie Jürgen „Baulöwe“ Schneider? Mit struppigem Vollbart wie Saddam Hussein? Mit langen Haaren wie Harald Schmidt?

          Der Ärger geht weiter

          Welches Bild aber lieferten nun die Agenturen? Dieses hier. Ludwig-Holger Pfahls saß zwar im Pariser Gefängnis und bekam regelmäßig Besuch von Ermittlern und seinem Rechtsanwalt, aber offensichtlich noch immer von keinem Fotografen. Für die Medien ging der ganze leidige Ärger damit weiter.

          Mehr Berichte denn je nämlich wurden von ihnen zum Thema Pfahls gefordert, die nun zwar andere Überschriften trugen - „Pfahls soll nach Deutschland ausgeliefert werden“ oder „Pfahls wird noch nicht nach Deutschland ausgeliefert“ -, noch immer aber das alte Archivbild.

          Fotografen fotografieren Fotografen

          Gestern nun schien der große Tag gekommen: Pfahls kam nach Deutschland. Voller Vorfreude wurde er erwartet - von der hiesigen Justiz, aber auch von den Fotografen. Nur: Ein neues Foto gab es wieder nicht. Wegen des „großen Medienandrangs“, so die Begründung, wurde Pfahls nicht wie angekündigt nach Augsburg, sondern nach Kaisheim gebracht. Die frustrierten Fotoreporter in Augsburg konnten einzig mit Fotos frustrierter Fotoreporter aufwarten.

          Sehen wir es positiv: Die Vorfreude bleibt uns erhalten. Irgendwann wird sich Ludwig-Holger Pfahls der Öffentlichkeit zeigen müssen, und dann werden wir Journalisten ein schönes neues Pfahls-Foto nach dem nächsten zeigen. Und das alte, verhaßte werden wir für immer ins Archiv verbannen.

          Mal schauen: Vielleicht gibt es ja bereits ein neues. Probieren wir es noch einmal mit der Stichwortsuche „Pfahls“ in unserer Bilddatenbank. Und tatsächlich: Hier ist schon ein anderes Foto, das wir zuvor überhaupt noch nie gesehen haben. Wobei: Daß er heute so aussieht, das wollen wir Ludwig-Holger Pfahls nun wirklich nicht wünschen.

          Nachtrag um 14.30 Uhr: Es ist soweit: Holger Pfahls hat sich gezeigt. Enttäuschenderweise trägt er weder Bart noch Glatze, sondern sieht irgendwie genauso aus wie auf dem altbekannten Foto. Aber überzeugen Sie sich selbst: Pfahls erstmals in der Öffentlichkeit: Schweigen zur Sache

          Weitere Themen

          550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Versteigerung zum Spitzenpreis : 550.000 Euro für eine Mona Lisa-Kopie

          In Paris ist eine Kopie des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci für einen Spitzenpreis verkauft worden. Das Bild wurde im 17. Jahrhundert von einem unbekannten Künstler gemalt. Es gleicht dem Original bis auf wenige Details, ist aber etwas größer.

          Topmeldungen

          Hinter den Häusern und Kirchen der Innenstadt in München sind am Morgen die Berge sichtbar.

          Bauvorhaben und Infrastruktur : Bayern und seine Schwächen

          Bayern steht gut da, doch auch im Freistaat hakt es mancherorts außerordentlich. In München droht gar ein verkehrspolitisches Desaster – das bald womöglich den Vergleich mit dem Berliner Flughafen nicht mehr scheuen muss.
          Peter Feldmann bei einem Besuch im Awo-Jugendhaus im Frankfurter Gallusviertel im Jahr 2014.

          Peter Feldmann und die Awo : Das Schweigen des Oberbürgermeisters

          Weil die Arbeiterwohlfahrt seine Ehefrau zu ungewöhnlich guten Konditionen beschäftigt haben soll, steht Peter Feldmann stark unter Druck. Die Awo rechtfertigt derweil die hohe Bezahlung der Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters – und hat noch in einem anderen Fall Probleme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.