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Wellenreiter : Es wird nicht alles gut

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Horst Köhler hat geschafft, was Roman Herzog nur erhoffte: Es ist ein Ruck gegangen durch Deutschland. Doch soll ein Bundespräsident nicht mehr sein dürfen als nur Grüßonkel und Stimmungskanone?

          2 Min.

          Was macht eigentlich Horst Köhler? Horst Köhler hat gerade eine Ehrenpatenschaft übernommen. Sein Patenkind mit den Namen Cheyenne Anna Hannelore ist das siebte Kind der Familie Tesch aus Mannheim, und es ist Tradition, daß bei jedem siebten Kind einer deutschen Familie der Bundespräsident persönlich Pate wird. Selbst dann, wenn die Eltern zuviel Karl May gelesen haben.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Außerdem hat sich Horst Köhler in der vergangenen Woche „während der ZDF-Kindernachrichtensendung 'logo' mit dem Nachwuchsmoderator Robert“ unterhalten, wie uns die Bildunterschrift eines dpa-Fotos mitteilt. Weitere Agenturbilder der jüngsten Zeit zeigen Köhler, wie er im „Thyssen-Krupp-Ideen-Park“ in Gelsenkirchen das Wort „Anpacken“ auf eine Tafel schreibt, wie er in ebenjenem Park über den Kopf eines Crash-Test-Dummies streichelt oder aus dem Cockpit eines Airbus schaut und einen Daumen in die Höhe reckt. Und dann gibt es noch ein Bild, auf welchem Köhler auf dem Weimarer Marktplatz in eine Thüringer Bratwurst beißt. Bestimmt hat er dabei ein genüßliches „Hmmm“ von sich gegeben.

          Männliche Nina Ruge

          Führt man sich angesichts der erwähnten Fotos vor Augen, womit ein Bundespräsident so seine Zeit verbringt, dann ahnt man, was für ein streckenweise schwer erträgliches Amt das sein muß. Aber so wollen die Leute ihren Bundespräsidenten ganz offensichtlich: als gutgelaunten Grüßonkel und Kinderfreund. Als Mutmacher mit chronischer Daumenverrenkung. Als Stimmungskanone, die jeder noch so traurigen Party bescheinigt, ihr prächtiges Amüsement zu bereiten. Als Trostpflaster für unsere von Selbstzweifel gepeinigten deutschen Seelen. Als männliche Version Nina Ruges mit der Botschaft: Alles wird gut.

          Leider aber ist der Befund, daß bei uns im Lande alles gut werde, nicht mal mehr als Zweckoptimismus zu gebrauchen, sondern wäre entweder das Resultat weltfremder Tagträumerei oder eine glatte Lüge. Ein Politiker aber, der sich weigert, eine Lüge auszusprechen, das ist etwas, an das man sich hierzulande erst einmal gewöhnen muß. Mit seiner im „Focus“ getätigten Äußerung, es sei nicht erstrebenswert, ja geradezu fahrlässig, die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Deutschlands Regionen einebnen zu wollen, hat Köhler etwas geschafft, was manche seiner Vorgänger nur angekündigt hatten: Es ist ein Ruck gegangen durch Deutschland.

          Er soll nicht spalten

          Köhler zerlege das Land in Arbeitsregionen einerseits, in Reservate und Museumsinseln andererseits, erregt sich Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“: „Das ist nicht Aufgabe des Bundespräsidenten. Er soll das Land zusammenführen, nicht spalten.“ Da zeigt sich, daß manchem erst jetzt bewußt wird, was es bedeutet, daß auf den kirchlich geprägten Johannes Rau der Ökonom Köhler folgte. Dabei hat sich Köhler in dem Interview schon bemüht, die Ostdeutschen aufzumuntern, hat Respekt vor ihren Leistungen bekundet und sich beklagt, daß auf einem Mauerfall-Gemälde im Berliner Abgeordnetenhaus Kohl und Brandt, aber kein ostdeutscher Politiker abgebildet sei. Doch das reicht offenbar nicht. Von einem Bundespräsidenten will man nicht ausgesprochen hören, was vielerorts, nicht nur in Ostdeutschland, Realität ist: daß strukturschwache Regionen trotz Subventionsspritzen mehr und mehr entvölkert werden.

          Die Bundesregierung hat erklären lassen, es bleibe „selbstverständlich“ ihr Ziel, für eine Angleichung der Lebensverhältnisse zu sorgen. Wenn man weiß, welche Ziele sich die Regierung sonst so gesetzt hat, wird klar, wie das zu verstehen ist: Die gleichen Lebensverhältnisse kommen. Ganz bestimmt. Nicht ganz so schnell wie die Lkw-Maut, aber irgendwann. Vielleicht.

          Wer weiß: Vielleicht hat Köhler ja wirklich unrecht. Vielleicht liegen vergleichbare Lebensumstände in ganz Deutschland ja doch nicht im Bereich des völlig Utopischen. Doch Köhler hat ganz offensichtlich gesagt, was er denkt; jegliches Zurückrudern, jede Abschwächung seiner Zitate würde seine Glaubwürdigkeit schwer beschädigen. Die Frage ist nur, was den Leuten wichtiger ist: ein glaubwürdiger Präsident oder einer, der entgegen seiner eigenen Überzeugung verbale Placebos verteilt. Wenn man die Aufgaben des Bundespräsidenten so interpretiert, wie anfangs beschrieben, dann ist Horst Köhler sicher der falsche Mann für das Amt. Die Frage ist dann allerdings, wozu wir diesen Posten eigentlich noch brauchen.

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