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Wellenreiter : Eine Verschwörung, eine Tragödie

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Erst in ihrem Scheitern erreicht Anke Engelke jene gesellschaftliche und kulturelle Relevanz, die einem Harald Schmidt stets vergönnt war. Die Erklärungen für das Aus ihrer „Late Night“ sind teilweise atemberaubend.

          Eigentlich muß man mit Anke Engelke nicht wirklich Mitleid haben. Sie hat, wie so viele vor und nach ihr, im Fernsehen mit einer Sendung keinen Erfolg gehabt. Berufsrisiko. Sie war vorher erfolgreich und wird es auch künftig wieder sein, nur eben nicht mit „Anke Late Night“. Das (Fernseh-)Leben geht weiter, und Sorgen um ihre Existenz machen muß sich Anke Engelke sicher nicht.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und doch bekommt ihr Scheitern eine tragische Note, was erst am Tag nach dessen Bekanntwerden deutlich wird: Erst mit dem Aus ihrer Show nämlich ist diese, was zuvor nie möglich schien, kulturell und gesellschaftlich relevant geworden. In seinen letzten Jahren als Late-Night-Entertainer konnte der von Deutschlands Intellektuellen als einer der Ihren erkannte und umarmte Harald Schmidt tun, was er wollte: Es wurde, selbst wenn es im wahrsten Wortsinn gar nichts war, als Kultur verstanden. Anke Engelke hingegen verkörperte, viel mehr als Schmidt es je tat: das Fernsehen. Für die Late Night und ihre Anhänger war das nicht genug.

          Eine Fernsehtragödie

          Nun aber, am Tag danach, können wir über Anke Engelke folgendes lesen: „Da wird ein ungeheuer begabter Mensch durch ein Format, durch äußere Zwänge, die mit der Sache, die er vertritt, gar nichts zu tun haben, gnadenlos auf Format geschnitten.“ Das sagt Bazon Brock, Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal, im „Deutschlandradio“ und spricht von einer „Fernsehtragödie“.

          Was, so könnte man nun fragen, hat eigentlich Fernsehen mit Ästhetik und Kulturvermittlung zu tun? Aber natürlich hat Brock recht: Anke Engelke ist von Sat.1 auf Format geschnitten worden, auf ein Format, das nicht das ihre war. Andererseits hat sie sich selbst bereitwillig zurechtschneiden lassen; welche Sache sie vertrat, wurde in ihrer Sendung nicht ersichtlich. Doch muß man hier gleich das große Wort der Tragödie in den Mund nehmen? Nach diesem Maßstab spielen sich im Fernsehen tagtäglich unzählige furchtbare Dramen ab. Würde jemand all die in Formate gepreßten Journalistendarsteller in den „investigativen“ Magazinen, die Fernsehrichter mit ihren falschen Fällen, die dauergrimassierenden Komiker tatsächlich als Tragöden bezeichnen wollen?

          Ein Opfer der Männer

          Auch nicht verdient hat Anke Engelke, daß sie als eine der - bis dato - erfolgreichsten deutschen Fernsehfrauen überhaupt mit einemmal in die Rolle des bedauernswerten Opfers eines Männerbundes aus Fernsehbossen und Kritikern gedrängt wird. In der „Welt“ verfaßt ihre Kollegin Bettina Böttinger ein Loblied auf Engelke, bei dem man sich fragt, warum diese Ehrerbietung nicht früher erfolgte: „Sie ist so schlagfertig wie Harald Schmidt, aber auch in der Lage, sich selbst auf die Schippe zu nehmen“, schreibt Böttinger und behauptet: „Es stand was auf dem Spiel. Nichts Geringeres als die letzte Männerbastion in der Fernsehlandschaft.“ Weil das aber niemand offen sagen wolle, „muß also die Quote als Argument dienen“. Gute Güte! Die Quote dient bei grundsätzlich jeder gescheiterten Sendung als oberstes Argument, vielleicht nicht so stark im Dritten Programm, wo Frau Böttinger zuhause ist, ganz gewiß aber bei den großen Privatsendern.

          Daß die Zuschauer „Anke Late Night“ nicht wie erhofft angenommen haben, lag wohl kaum in erster Linie daran, daß die Namensgeberin eine Frau war. Wer an diesem Tag freilich „Bild“ und die „Süddeutsche“ liest, dem scheint die an sich abwegige Böttinger-These von der Männerverschwörung plötzlich nicht mehr gar so lächerlich. Für den nicht als Charmeur bekannten „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner bedeutet das Ende von „Anke Late Night“ dasselbe, „wie wenn eine lästige Biene endlich aus meinem geöffneten Fenster entkommt“. Denn, so Wagner in seinem Brief an Engelke: „Keine Ihrer bisher 67 Sendungen war gut.“ Sollte sich Wagner tatsächlich alle 67 Sendungen komplett angetan haben? Diese Strapazen würden wir selbst ihm nicht wünschen wollen.

          Der Satz „Doch das Grunddilemma blieb: Wer will sich abends von einer Frau die Welt erklären lassen?“ stammt indes nicht von Wagner, sondern von den drei männlichen Autoren, die in der „Süddeutschen“ versuchen, uns das Aus von Anke Engelke zu erklären.

          Das Problem aber war nicht Anke Engelkes Geschlecht. Anders als Harald Schmidt, der sich den Anschein gab, auf alles eine Antwort zu wissen, hat Engelke gar nicht versucht, uns die Welt zu erklären. In ihrer Late Night trat sie nicht auf als eine Allwissende, sondern wirkte stets wie eine Suchende. Das ist menschlich überaus sympathisch, die Late-Night-Gemeinde aber beeindruckt man damit nicht.

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