https://www.faz.net/-gqz-oif8

Wellenreiter : Der Zeitlose

  • Aktualisiert am

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Wir unterbrechen das Programm für einen wichtigen Hinweis. Während Immanuel Kant die medialen Gedenker in Atem hält, erinnern wir an Julio Cortázar, den Tagreisenden, den Träumer.

          2 Min.

          Wir unterbrechen das Programm für einen wichtigen Hinweis. Es sind einfach zu viele feuilletonrelevante Menschen gestorben am 12. Februar. Die ganze Welt kümmert sich um Kant, jedenfalls die österreichischen Medien um Thomas Bernhard, und sein deutscher Verlag, Suhrkamp, widmet dem österreichischen Wüterich - und der neuen 22bändigen Werkausgabe - immerhin den ersten Platz auf seiner Homepage.

          Dann kommt Kant - in Form von Dieter Henrichs „Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus“. Dann Christoph Heins neuer Roman „Landnahme“, der hoch steht in der Gunst der Kritiker. Und man muß schon suchen auf der Suhrkamp-Website, um einen Hinweis auf den dritten Autor zu finden, dessen wir heute herzlich gedenken: auf Julio Cortázar, den argentinischen Phantasten, der vor zwanzig Jahren gestorben ist.

          Erkundungen

          „Das ist noch keine sehr lange Zeit“, schrieb Paul Ingendaay vor kurzem in der F.A.Z., „aber lang genug, um zu empfinden, daß er uns tatsächlich fehlt, nun ja: daß er einigen fehlt.“ Cortázar fehlt, er fehlt in der Tat, und er fehlt tatsächlich viel zu wenigen. Darum an dieser Stelle besagter wichtiger Hinweis - nicht auf „Rayuela“, den größten Roman des Argentiniers, unter den man nach Gusto oder Empfehlung bei nochmaliger Lektüre zusätzliche Kapitel aus dem Anhang mischen kann, nicht auf die köstlich spinnerte „Reise um den Tag in 80 Welten“ oder die zahlreichen beglückenden Erzählungen.

          „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ heißt Julio Cortàzars letztes Buch. Es ist der Expeditionsbericht einer wundersamen Reise, die der Schriftsteller 1982 zusammen mit Carol Dunlop, seiner zweiten Frau, unternommen hat. Eine „zeitlose Reise“ nennt das Schriftstellerpaar die Fahrt von Paris nach Marseille, eine Tour, die sich auf der Autoroute de Soleil gut an einem Tag schaffen läßt. Wenn man nicht, wie Dunlop und Cortázar, auf jedem Rastplatz hält, um ihn zu erkunden, und auf jedem zweiten auch die Nacht verbringt.

          Höflichkeitsbesuche

          Sie unternehmen eine einmonatige Reise auf die Rückseite der zivilisierten Welt, an jene Orte, die in der Bildenden Kunst und Urbanistik-Diskussion der letzten Jahre als Transiträume oder „Non-Places“ bezeichnet worden sind. Allerdings nähern sie sich nicht mit den spitzen Fingern der Wissenschaft, sondern der Unternehmungslust der Forschungsreisenden, und ihr Expeditionsbuch ist demnach auch nicht in der fremdwortbewehrten Sprache der Kulturtheorie gehalten, sondern zeigt viel von der herz- und kindlichen Art, dem Vergnügen an Schräglagigem und Abseitigem, das Cortázars Werke ausmacht.

          Von den Höflichkeitsbesuchen einheimischer Wegschnecken wird in täglichen Eintragungen der „Autonauten“ ebenso berichtet wie von den Verpflegungs- und Aufmunterungsbesuchen der Freunde, von unsäglichen Raststätten-Shops und beunruhigenden Hinweisen darauf, daß die beiden Abenteurer verfolgt werden: von den Spitzeln der Zivilisation, der sie mit einer verblüffenden Hinwendung zu ihren Leerstellen zugleich den Rücken gekehrt haben. Am alten Hafen von Marseille schließlich „werden die Expeditionsteilnehmer offiziell von den Möwen empfangen“.

          Das ist schön und erfrischend in unserer Welt der zivilisatorischen Zwänge. Man sollte es lesen. Man sollte es wieder lesen, wenn man es schon kennt, heute, am Todestag Cortázars.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großer Triumph, große Geste: Boris Johnson am frühen Freitagmorgen in London

          Wahl in Großbritannien : Johnson triumphiert – aber um welchen Preis?

          Großbritannien wird Ende Januar aus der EU ausscheiden, das ist jetzt klar. Ruhe ist im Vereinigten Königreich deshalb aber nicht zu erwarten. Sein Zerfall könnte langfristig der Preis für den Brexit sein.
          Nicola Sturgeon am Freitagmorgen in Glasgow

          Wahl in Großbritannien : Sturgeon fordert neues Referendum

          Konservative erreichen Mehrheit im Unterhaus +++ Schottische Nationalisten gewinnen massiv +++ Labour-Chef will nicht mehr als Spitzenkandidat antreten +++ Der Liveblog zur Wahl in Großbritannien.

          EU-Gipfel in Brüssel : Polen stellt sich quer

          Der EU-Gipfel sagt zu, die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen - ausgenommen Polen. Warschau blockiert so das erhoffte Signal zum Ende der Klimakonferenz in Madrid.
          Hier geschah es: Auf dem Radweg zwischen deutschen Museum (links) und Europäischen Parlament (rechts) erstach ein Unbekannter Domenico L.

          Mord an der Isar : Bayern betritt kriminalistisches Neuland

          In München wird die erweiterte DNA-Analyse eingesetzt, um den Mörder von Domenico L. zu fassen. Ermittler erfahren so, welche Haar-, Augen- und Hautfarbe der Täter vermutlich hat. Das ist in Deutschland eigentlich noch verboten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.