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Wellenreiter : Das Tabu der klugen Frau

WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Barbara Schöneberger ist eine Abbildungskarrierefrau, Anke Engelke nicht intellektuell, Sabine Christiansen Doris Day, Annette Schavan humorlos: Die Kabarettistin Maren Kroymann analysiert das eigene Geschlecht.

          Als Anke Engelke ihre „Late Night Show“ verlor, wurde das vielerorts als gesellschaftlicher Rückschritt bewertet, als Niederlage einer erfolgreichen Frau gegen ein Männerkartell. Die „letzte Männerbastion in der Fernsehlandschaft“ hatte Engelke stürmen wollen, klagte ihre Kollegin Bettina Böttinger, und dafür sei sie bestraft worden; in Engelkes Abschiedssendung versicherten Hella von Sinnen und Alice Schwarzer der scheidenden Moderatorin, daß sie in Wirklichkeit die Allerbeste sei.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Solidaritätsbekundungen kommen häufig derart schlicht daher. Daß man Feministin sein und dennoch Engelkes Scheitern nicht allein auf die Männer zurückführen, ja der ganzen Geschichte sogar etwas Positives abgewinnen kann, das beweist an diesem Freitag Maren Kroymann. Die Schauspielerin und Kabarettistin hat der „taz“ ein bemerkenswertes Interview gegeben, in dem sie die Situation diverser bekannter Frauen - von Anke Engelke bis zu Annette Schavan - analysiert. Auch Kroymann ist der Ansicht, daß Engelkes Aufstieg zur Late-Night-Moderatorin bestimmte Regeln der „Männerwelt“ verletzt habe: „Bestimmte Sachen dürfen Männern nur Männer sagen.“ Anders als andere aber denkt Maren Kroymann noch weiter - und kann daher Engelkes Aus als durchaus „großen Fortschritt“ begreifen: „Es ist das erste Mal, daß bei einer Frau im Fernsehen der Intellekt vermißt wurde.“

          Kein weiblicher Harald Schmidt

          „Schmidt und davor Dieter Hildebrandt als satirische Leitfiguren sind intellektuell - übrigens ohne übermäßig gut auszusehen. Dazu gibt es auf weiblicher Seite kein Gegenmodell. Das ist das wirkliche Tabu“, so Kroymann. Komische Frauen hingegen „sind im Fernsehen, weil sie gut aussehen und permanent aufgekratzt sind. Es ist die Mischung aus Nettigkeit, Titten und ein bißchen Frechheit, die es macht.“ Wer nun nach weiblichen Gegenmodellen zu Hildebrandt und Schmidt sucht, nach Frauen, die nicht unbedingt dem herkömmlichen Schönheitsideal entsprechen und es mit Witz und Intellekt zu Fernsehruhm schafften, der stößt in der Tat nicht auf viele Beispiele; vielleicht auf Alice Schwarzer oder auf Charlotte Roche, deren angekündigter Abgang bei Viva freilich das Vorurteil zu bestätigen scheint.

          Oder auch auf Maren Kroymann, die eine für Frauen klassische „Abbildungskarriere“, wie sie selbst es nennt, verweigert hat: „Ich habe verweigert zu zeigen, daß ich eine gute Figur habe und Männerfantasien anregen kann. Ich bin zu feministisch, um das zu machen. Außerdem ist mein Busen nicht groß genug.“ Im Gegensatz zu dem von Barbara Schöneberger, die eine solche „Abbildungskarriere“ gemacht habe, obwohl sie „richtig intelligent“ sei: „Wenn Schöneberger im Stern das Dekolletee aus dem Kleid quillt, sieht man schon, daß sie sich selbst auch ironisch sieht. Aber so eine Pose ist auch absichtsvoll. Mit diesen Fotos wurde Karriere gemacht, danach kam sie hoch.“

          Die Intellektuelle wird bestraft

          In der Politik sieht der Weg zum Erfolg für Frauen ganz anders aus. „Da tun sie auch gut daran, keine Frauensignale zu senden, denn da wird ihnen mehr Kompetenz zugetraut. Sonst gilt man schnell als dummes Blondchen. Bei der CDU war immer auch das Trutschige erlaubt, speziell bei den Familienministerinnen. Was aber zu jeder Zeit verboten war: die Intellektuelle. Das ist das Schlimmste, was eine Frau ausstrahlen kann. Das wird bestraft“, so Kroymann. Womit wir bei Annette Schavan wären. Deren Karrierechancen stuft die Kabarettistin sehr niedrig ein. Weder Schavan noch Angela Merkel wirkten humorvoll und volkstümlich, anders etwa als Heide Simonis: Die erscheine dank ihres Humors „kumpelhafter und nahbarer“.

          Berühmte Frauen in der Männerwelt: Fehlt da nicht noch jemand? Natürlich: Sabine Christiansen, jene Moderatorin, die Kroymanns Solosendung „Nachtschwester Kroymann“ einst den Sendeplatz raubte. Ob Kroymann deswegen nachtragend ist? Ihre messerscharfe Einschätzung verdient in der langen Liste der Christiansen-Schmähungen jedenfalls einen Ehrenplatz: „Christiansen ist die Doris Day des Journalismus. Intelligent genug, zu begreifen, was man von ihr will. Sie wurde auch nicht umsonst am Ende ihrer 'Tagesthemen'-Zeit Miß Fleurop“, meint Kroymann. „Sie funktioniert im Sinne der Männer, die ihr die Sendung gegeben haben. Und der Politiker, die bei ihr unwidersprochen alles sagen dürfen.“

          Die irrationale Schmidt-Liebe

          Die Frauensolidarität, so zeigt das „taz“-Interview auf wohltuende Weise, geht nicht bei jeder soweit, daß sie die Frauen mit Kritik verschonte; ganz im Gegenteil. Männerbünde funktionieren oftmals ganz anders: Dort wird man selten müde zu bekunden, wie toll man einander so findet. Die Männer kommen bei Kroymann dennoch nicht gut weg - schon gar nicht Harald Schmidt, in den die männlichen Feuilletonisten „irrational verliebt“ seien.

          „Männer versichern sich ihrer Macht mit Witzen über Minderheiten und Randgruppen. Frauen dürfen sich selbstironisch darüber lustig machen, daß sie nicht an der Macht sind“, sagt Maren Kroymann, und das trifft leider auch auf sie selbst zu: Im Fernsehen ist sie, die einst die Ehefrau des „Lehrers Dr. Specht“ und eine Altachtundsechziger-Mutter in der Comedy „Mein Leben und ich“ spielte, derzeit nicht sehr präsent. Aber schön ist es, von ihr wenigstens ab und an in der Zeitung zu lesen.

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