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Wellenreiter : Besser der Hausmeister als gar kein Mann

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WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Es gibt eine neue Risikogruppe in Deutschland: Die Lage junger Frauen um die Dreißig scheint dramatisch zu sein - geprägt von Zukunftsängsten, Lustlosigkeit und der ewigen Sorge, den richtigen Mann zu finden.

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          Jetzt haben wir über Monate, ja über das gesamte ablaufende Jahr eigentlich hören und lesen müssen, daß es mit uns Männern langsam zu Ende geht. Daß wir, die noch einen einigermaßen akzeptablen Platz in der Gesellschaft erobern konnten, zu einer aussterbenden Spezies zählen, da uns niemand mehr nachfolgt: Die Jungen fallen heute durchs Sieb unseres Bildungssystems, sie schaffen allenfalls noch ihren Hauptschulabschluß, wenn sie nicht vorher schon im Gefängnis sitzen.

          Die Zukunft, so sagte man uns, gehört den Frauen. Sie haben endlich die Fesseln der Unterdrückungsgeschichte abgestreift und werden nun die Positionen einnehmen, die ihnen gebühren - sind sie doch längst das begabtere, vernünftigere, zielstrebigere und vor allem emotional intelligentere Geschlecht. Wissenschaftlich bewiesen sei das, hieß es, und wir haben daran geglaubt, je stärker, desto häufiger wir davon hörten.

          Neue Risikogruppe

          Jetzt aber fragen wir uns, ob das auch wirklich stimmt. Ob die Debatte vom Untergang der Männerwelt vielleicht davon befeuert wurde, daß sich daran kaum Frauen beteiligt haben. Binnen vierzehn Tagen nämlich haben sich nun zwei Vertreterinnen der jungen, aufstrebenden Frauengeneration zu Wort gemeldet, und was sie mitzuteilen haben, klingt längst nicht so selbstbewußt, wie sie doch eigentlich sein müßten. Ganz im Gegenteil: Es scheint, als verfüge unsere Gesellschaft über eine neue Risikogruppe.

          Und zwar über die „Frauen um die 30“. Vor zwei Wochen hatte in der „Zeit“ die bald dreißigjährige Heike Faller ihr Leid und das ihrer Altersgenossinnen geklagt. Woran aber leidet diese neue Frauengeneration? Am ewigen Klassiker: dem schwierigen Unterfangen, den richtigen Mann zu finden. Wer als Frau um die Dreißig nicht in einer festen Beziehung lebe, der hoffe entweder noch immer auf die „romantische Liebe“, schreibt Faller - oder „man bekommt Panik“. Die wiederum könne dazu verleiten, „das mit der Liebe (oder was man dafür hält) einfach sein zu lassen“ und einen zu heiraten, der zwar nicht irrsinnig aufregend, aber wenigstens nett ist.

          Perfekt ist es nie

          „Ich kenne Frauen in den Dreißigern, hübsche, witzige, erfolgreiche und zudem nette Frauen mit interessanten Berufen, die sich mit Import-Export-Kaufleuten, Bahnschaffnern, 47jährigen Fahrradkurieren und in einem Fall sogar mit einem (offen) homosexuellen Architekten 'zusammengetan' haben“, schreibt die Autorin. Männer haben es also offensichtlich leichter, einen Partner zu finden, was ziemlich unfair scheint. Selbst Mörder und Kinderschänder, ereifert sich Faller, seien häufig langjährige verheiratete Familienväter gewesen, die im Gefängnis „meistens gleich die nächste“ heirateten: „Wahrscheinlich auch so eine thirty something, die langsam weiß: Perfekt ist es nie.“

          Das mag stimmen, aber muß es dann gleich jemand so schmerzlich Unperfektes wie ein Mörder sein? Doch die armen Frauen haben vielerlei Anlaß zur Verzweiflung. Das Damoklesschwert nachlassender Fruchtbarkeit etwa, die schon mit 32 rapide abnehme, oder die Horrorvorstellung der Kinderlosigkeit. Gegen letztere immerhin läßt sich auch ohne festen Partner etwas unternehmen: „Samenbanken. Schwule Freunde. One-Night-Stands. Asylbewerber.“ Oder es muß, wenn gar kein anderer da ist, auch mal der Hausmeister herhalten. Traurig, das. „Aber mit solchen Überlegungen schlagen sich alleinstehende Frauen über 30 herum.“

          Nicht schwierig - oder doch?

          An diesem Mittwoch nimmt die „Welt“ die Vorlage der „Zeit“ auf. Auch ihre Autorin, Cosima Lutz, ist „fast dreißig“ und pendelt nach eigener Aussage zwischen „Die-Männer-doof-finden, Kinder-doof-finden, Den-Mann-finden-wollen und Vielleicht-doch-Kinder-kriegen-wollen“. Dabei sei Dreißig doch an sich kein schwieriges Alter, schreibt sie. „Oder doch?“

          Tja, was eigentlich? Auf jeden Fall schwierig scheint das Thema zu sein; findet die Autorin in ihrem Artikel doch keine klare Linie. Einzige Konstante sind die vielen, meist offen bleibenden Fragen: „Ist unser Leben zu fad?“ „Versaut uns der Beruf, geschlechtsübergreifend?“ „Führen wir uns selbst an der Nase herum?“ Und, natürlich: „Und wo sollen wir da Männer kennenlernen?“

          Weggepillt

          Soviel jedenfalls läßt sich aus dem Text herauslesen: Auch die „Welt“-Journalistin und ihre gleichaltrigen Freundinnen fühlen sich offenkundig nicht wohl in ihrer Haut. Nicht in der Liebe, wo der jahrelange Konsum von Verhütungsmitteln die Lust längst „weggepillt“ habe, sei es doch wissenschaftlich bewiesen, „daß hormonfressende Frauen buchstäblich den richtigen Riecher für den genetisch passenden Supertypen verlieren“. Und nicht im Beruf, wo eine Freundin „nach monatelanger Streß-Darmerkrankung im Kinderkriegen die einzige Möglichkeit“ sehe, „dem Druck des Erwerbslebens zu entgehen, ohne sich in den Hängematten-Pranger fallen zu lassen.“

          Die Lage junger Frauen in Deutschland scheint also dramatisch zu sein. Sollten sich in der nächsten Zeit nicht ein paar Gegenstimmen finden, die versichern, daß es sich als Dreißigjährige gar nicht so schlecht lebt, dann muß man sich ernstlich Gedanken machen: Solch düstere, wehleidige Befindlichkeitsberichte, die die neurotische Fernseh-Anwältin Ally McBeal wie ein Glückskind erscheinen lassen, kannte man bislang eigentlich nur von jungen Männern.

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