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Wellenreiter : Adenauer ist unser Bester

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WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET Bild: FAZ.NET

Karl Marx wurde nur Dritter: 778.984 ZDF-Zuschauer haben dafür gesorgt, daß Konrad Adenauer bei der Wahl zum „Besten Deutschen“ auf den ersten Platz kam. Jetzt sucht das ZDF weiter - nach dem „besten Buch“.

          Wenn man bedenkt, daß in manchen Städten Brandenburgs die Wahlbeteiligung bei der letzten Landtagswahl unter dreißig Prozent lag, vermag man erst zu ermessen, wie groß der Erfolg des ZDF ist: 3,3 Millionen Menschen haben sich an der Abstimmung zu "Unsere Besten" beteiligt, 778.984 haben dafür gesorgt, daß Konrad Adenauer bei dieser Auslese im Fernsehen auf den ersten Platz kam. Für Martin Luther riefen 556.298 Zuschauer an, für Karl Marx stimmten - begleitet von einer Mobilisierungskampagne der PDS - immerhin 500.442 Zuschauer. Von den 3,6 Millionen, die sich das Finale am Freitag ansahen, griff genau die Hälfte zum Telefon, so etwas ist selbst bei dem erklärten Anrufsender "Neun Live" noch nicht vorgekommen.

          Auch das Spektakel im Studio zeigte, wie vermischt die Formen heute sind. Die Fanblocks und der Lärm erinnerten an "Deutschland sucht den Superstar" bei RTL, die Kurzauftritte der Laudatoren ebenso. Am Ende triumphierte, wenn man so will, Guido Knopp als Adenauer-Apologet, Gregor Gysi trug die Erkenntnis bei, daß es ohne die neuen Länder, also ohne die deutsche Einheit, einen Karl Marx unter den "Top ten" der vermeintlich "besten Deutschen" nicht gegeben hätte. Bei der Qual der Wahl setzte sich, mit Ach und Krach zwar, aber immerhin, ein Bedeutungskanon durch, an dem zeitgeschichtliche Eintagsfliegen wie Dieter Bohlen, Boris Becker oder Daniel Küblböck vorbeisurren. Und im Grunde genommen darf sich nicht nur der Programmdirektor des ZDF, Thomas Bellut, bestätigt fühlen, der meint, sein Sender habe den Zuschauern die deutsche Kultur und das Bewußtsein für deutsche Geschichte auf unterhaltsame Weise nahegebracht, sondern auch Helmut Markwort (der zudem ein Laudator war). Denn seit es das Magazin "Focus" gibt, wird landauf, landab in Listen vermessen, wer oder was der oder die oder das Beste ist.

          Goethe und Hera Lind

          Im nächsten Jahr soll dies Kräftemessen im ZDF, dessen Ausgang von der Anrufbereitschaft der Zuschauer abhängt, mit der Literatur weitergehen, und auch da wird es bereits bei der Vorauswahl wieder spannend werden. Schließlich haben nicht nur Goethe und Schiller den Deutschen ihre Werke hinterlassen, sondern auch Hera Lind und Paulo Coelho. Doch vielleicht wird das Publikum das ZDF abermals vor sich selbst retten und dafür sorgen, daß man mit etwas mehr Selbst- und weniger falschem Schuldbewußtsein darauf hinweist, daß die Zuschauer des Zweiten im Durchschnitt 58 Jahre alt sind.

          Daß diese ausgerechnet Konrad Adenauer zum "besten Deutschen" gewählt haben, mag die Marxisten verdrießen. Rundfunkhistorisch gesehen ist es jedenfalls alles andere als ein Treppenwitz, daß diese Wahl ausgerechnet der erste Kanzler der Bundesrepublik gewann, der vor vierzig Jahren sein eigenes Fernsehen gründen wollte, damit scheiterte und es statt dessen zu der Ländergründung eines bundesweiten Senders namens Zweites Deutsches Fernsehen kam. Am Ende also produziert das ZDF, das im Mainstream der Fernsehunterhaltung längst mitschwimmt und dabei zuletzt so manche Untiefe ausgelotet hat (erinnern wir uns nur an die unsägliche Ostalgie-Show) echtes Adenauer-Fernsehen.

          Und Willy Brandt kam immerhin auf Platz fünf, hinter den Geschwistern Scholl, vor Johann Sebastian Bach und Johann Wolfgang Goethe, der im nächsten Jahr ja auf dem zweiten Fernsehbildungsweg eine Chance bekommt. Daß sein berühmtes Faust-Zitat, das den Augenblick rühmt, der nicht vergehen solle, inzwischen die Autobiographie eines ehemaligen Tennisspielers ziert, für den das ZDF gerade erst eine ganze Woche lang auf Gebührenzahlerkosten Werbung gemacht hat, damit sein Werk auf Platz eins der Bestsellerlisten lande, ist hoffentlich für "Unser bestes Buch" kein schlechtes Omen. Denn andernfalls könnte selbst Elke Heidenreich keine Freude haben.

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