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Kommentar: Kant in Kaliningrad : Doch nicht dieser Deutsche

Nicht bei allen in Kaliningrad beliebt: Der deutsche Philosoph Immanuel Kant Bild: dpa

In Kaliningrad wird derzeit über den Namen des Flughafens abgestimmt. Der Philosoph Immanuel Kant lag in Umfragen vorn – aber Politiker sind dagegen.

          In diesen Tagen geht in Russland eine Abstimmung darüber zu Ende, welche Namen historischer Persönlichkeiten die Flughäfen des Landes künftig tragen sollen. Die Umfrage, die von Metropolit Tichon, der als Beichtvater Präsident Putins gilt, initiiert wurde und von der Militärhistorischen Gesellschaft des Kulturministers Wladimir Medinski abgehalten wird, soll „Große Namen“ ermitteln, deren Träger mit den jeweiligen Städten verbunden sind und deren Taten im Design der Terminals und auf Plasmabildschirmen vergegenwärtigt werden sollen. Gut zweieinhalb Millionen Russen, heißt es, haben ihre Stimme bereits abgegeben.

          Der Flughafen von Kaluga wird voraussichtlich den Namen des Raumfahrtpioniers Konstantin Ziolkowski tragen, der dort lebte und forschte, im nordrussischen Archangelsk stimmte man für den Universalgelehrten Michail Lomonossow, der von dort stammte, im fernöstlichen Magadan dürfte der Chansonnier Wladimir Wyssozki siegen, der dem Straflagerort ein berühmtes Lied widmete. Ein regelrechtes Drama spielt sich in Kaliningrad ab, das von seinen Bewohnern in Erinnerung an den früheren Namen Königsberg liebevoll „König“ genannt wird. Dort führte das Rennen zunächst Immanuel Kant an, der sein Leben hier verbrachte und dessen Namen die Kaliningrader Universität trägt. Da klingelten bei etlichen Funktionären der Kremlpartei „Einiges Russland“ die Alarmglocken.

          Ein Abgeordneter der Staatsduma aus dem fernen Tatarstan, Marat Bariew, warnte, es wäre schändlich und „unpatriotisch“, wenn in der Exklave der deutsche Philosoph gewinnen würde. Bariew erklärte, an ihn hätten Veteranen aus der Wolgaregion appelliert, wo der sowjetische Marschall Alexander Wassilewski geboren wurde, unter dessen Kommando Königsberg 1945 erobert wurde, und der ebenfalls als Namenspatron für den Flughafen kandidierte.

          „Bannt den Feindesnamen dieses Deutschen mit einem orthodoxen Kreuz!“

          Im Gegensatz zu Wassilewski habe Kant für Russland nichts getan, mahnte Bariew, ein Votum gegen den Marschall wäre eine ernste Diagnose für den Bildungszustand der Gesellschaft. Der Dumaabgeordnete des Gebiets Kaliningrad, Alexander Pjatikop, unterstützte Bariew. Doch die Bürger der Stadt favorisierten Kant, versichert der Kaliningrader Historiker Solomon Ginsburg, der den Philosophen auf die Liste gesetzt hatte. Kant sei die „Marke“ Kaliningrads, weiß Ginsburg, außerdem findet er sein Erbe höchst aktuell, habe der Denker doch zum Ewigen Frieden aufgerufen.

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          Eine aufmerksame Lektüre von Kants Schriften könnte den Machthabern klarmachen, dass es rentabler sei, in Freundschaft zu leben als Krieg zu führen. Doch freies Denken und Debattieren ist für einige ein rotes Tuch. Soeben wurde das Kant-Denkmal vor der Universität und Kants Grabmal am Dom von unbekannten Vandalen mit Farbe beschmiert. „Bannt den Feindesnamen dieses Deutschen mit einem orthodoxen Kreuz!“ forderten Flugblätter, welche die selbsternannten Patrioten zurückließen. Offenbar konnten die Wahlleiter sich aber noch nicht dazu entschließen, den Militär den Philosophen besiegen zu lassen. Stattdessen wurde Kant jetzt von der Zarin Jelisaweta Petrowna, die gegen Preußen Krieg führte, knapp überholt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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