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Neutrale Schiffe : Das Titanic

  • -Aktualisiert am

Hier gehen zumindest die femininen Pronomina über Bord, vielleicht auch mehr. Bild: Picture-Alliance

Warum soll ein vierhundert Meter langes Containerschiff weiblich sein? In England und Schottland entzweit man sich derzeit über die Frage, welche Pronomina die richtigen sind.

          Zweimal in diesem Jahr haben Genderpolizisten Schilder im Schottischen Seefahrtsmuseum südwestlich von Glasgow vandalisiert, um die seit Menschengedenken überlieferte Zuordnung von Schiffen zum weiblichen Genus über Bord gehen zu lassen. Dieser Tage wurden bei der Beschreibung eines Dampfers, mit dem Königin Viktoria einst einen Ausflug unternahm, alle femininen Pronomina von den Agitatoren weggekratzt.

          Nun hat die Museumsleitung beschlossen, bei Schiffen nur noch das Neutrum zu verwenden. Damit bekundet sie, dem Wandel in der Gesellschaft Rechnung tragen zu wollen, wie es „Lloyd’s List“, die 1734 gegründete, wöchentliche Fachzeitschrift der internationalen Marineindustrie, bereits 2002 unter dem lauten Protest von Traditionalisten tat mit der Begründung, dass die Schifffahrtindustrie nach vorne schauen müsse, um in der internationalen Geschäftswelt nicht aufs Abstellgleis zu geraten – als habe das grammatische Geschlecht irgendeine Auswirkung auf die Tauglichkeit der Produkte.

          Schiffe sind wie Familienmitglieder

          Der aktuelle Chefredakteur der inzwischen ins Internet gewanderten Publikation meint, es sei vielleicht verständlich gewesen, Schiffen in der Zeit, in der sie noch aus Holz gebaut waren, weibliche Eigenschaften zuzurechnen, doch bezweifle er, dass irgendjemand in einem modernen Containerschiff von vierhundert Meter Länge ein Geschlecht erkennen könne. Die britische Marine will dennoch an der Tradition festhalten, desgleichen der Handelsverband der Marineindustrie, dessen Sprecher erklärte, Besitzer würden ihre Boote als „sie“ bezeichnen, weil sie für viele von ihnen wie Familienmitglieder seien.

          Die weibliche Kennzeichnung von Schiffen gehört zu den Rätseln, um die sich eine Fülle von Theorien ranken. Niemand weiß, ob die Verwendung von „she“ der Vorstellung eines Schiffes als gebärmutterähnlichem Gefäß oder Schutzmantel gegen die Tücken des Meeres zu tun hat, ob Seemänner mit der Benennung ihrer Schiffe nach göttlichen oder sterblichen Frauen den weiblichen Geist beschwören wollten, auf den sie in den langen Monaten auf See verzichten mussten. Oder ob sie dachten, ihre Schiffe glichen dem weiblichen Geschlecht, weil sie ähnlich unberechenbar, schwer zu steuern, mühsam und teuer im Unterhalt seien sowie der Bemalung bedürften, um sie gegen Patina und Rost zu schützen.

          Wie auch immer, der Sprachgebrauch hat sich über die Jahrtausende erhalten, selbst in einer Sprache wie dem Englischen, das bei unbelebten Substantiven nur selten zwischen maskulin und feminin unterscheidet. Schiffe zählen mit Ländern – womöglich wegen Platons Metapher der Republik als Staatsschiff – zu den Ausnahmen. Wenn es nun gilt, mit der Zeit Schritt zu halten, wie das Schottische Seefahrtsmuseum behauptet, wird es nicht mehr lange dauern, bis Steckverbindungen nicht mehr als männlich und weiblich bezeichnet werden dürfen, bis Schraubenmütter umbenannt und schließlich auch bei den Menschen nicht mehr zwischen männlich und weiblich unterschieden werden darf.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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