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Gina Thomas (G.T.)

Kolonialismus-Debatte : Jane Austens Familie auf dem Prüfstand

  • -Aktualisiert am

Jane Austen Bild: dpa

Welches Verhältnis hatte Jane Austen zum Kolonialismus? Das Jane-Austen-Museum erweitert seine Ausstellung um Hinweise zum Sklavenhandel. Eine Literaturwissenschaftlerin analysiert die politische Einstellung der Familie ganz genau.

          2 Min.

          Vor einer Generation betrachtete die Wissenschaft das Werk von Jane Austen aus der Perspektive der Geschlechterforschung. Inzwischen hat sich der Schwerpunkt auf Kolonialismus und Sklaverei verschoben. Dabei wird oft so getan, als wäre ein Mantel des Schweigens über das unbequeme Thema gelegt worden, ganz wie in Austens Roman „Mansfield Park“, in dem Totenstille am Familientisch herrscht, als die junge Fanny Price ihren gerade von seinen Besitztümern auf Antigua zurückgekehrten Onkel nach dem Sklavenhandel fragt.

          Das Jane-Austen-Museum machte unlängst Schlagzeilen, als es verkündete, seine Displays erneuern zu wollen, um Austens Verbindungen zum Kolonialismus zu beleuchten: Wie damals jede Familie seien auch die Austens durch Verwandtschaft und Freunde sowie als Verbraucher von Produkten wie Tee, Zucker und Baumwolle mit dem Sklavenhandel in Berührung gekommen.

          „Reaktionäre“ Zeitungen hätten dieses Bestreben des Museums auf die Frage reduziert, ob nun auch das Teetrinken hinterfragt werden müsse, bemängelte die Moderatorin eines Podcasts des Times Literary Supplement im Zusammenhang mit einem jüngst von der Zeitschrift publizierten Aufsatz der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Devoney Looser über die „komplizierten Verstrickungen“ der Austen-Familie mit der Sklaverei.

          Looser berichtet in ihrem „Das Schweigen brechen“ betitelten Aufsatz von neuen Archivfunden, die offenbarten, wie kompliziert die Sachlage sei. Die Austens seien sowohl für als auch gegen die Sklaverei gewesen. Denn auf der einen Seite stehe Jane Austens Vater George, ein anglikanischer Geistlicher, der durch enge Verbindungen zu einem Plantagenbesitzer – ein seit fünfzig Jahren bekanntes Faktum – „mitschuldig“ sei am „Vermächtnis der britischen Sklavenhaltung“. Auf der anderen Seite stünden zwei Brüder Jane Austens, die ihren Abscheu gegen die Sklaverei kundgetan hätten. Die Wissenschaft hat nach Loosers Meinung völlig übersehen, dass Jane Austens Lieblingsbruder Henry als Delegierter an einem internationalen Kongress gegen Sklaverei teilgenommen habe, der im Juni 1840 in London stattfand. Daraus schließt Looser, dass sich die politische Einstellung der Familie innerhalb einer Generation gewandelt habe.

          Sie lässt indes außer Acht, dass George Austen wie auch seine Tochter die Gedichte des leidenschaftlichen Abolitionisten William Cowper liebten, und scheint Edward Saids Meinung über Jane Austen und das Empire misszuverstehen. Aber sie hat recht: Das Bild ist kompliziert. Das Beispiel Jane Austens ist geradezu emblematisch für das vielschichtige und tiefgreifende Vermächtnis des Kolonialismus, das in der aktuellen Debatte oft vereinfacht wird.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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