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Sozialwissenschaftler : Die Ratlosigkeit der Experten im Expertenrat

Worin besteht überhaupt die Verantwortung des Staats in dieser Lage? Bild: dpa

Jetzt sind auch die Sozialwissenschaftler gefragt, wenn es darum geht, die Risiken von Lockdown und Lockerung gegeneinander abzuwägen. Bisher sind sie damit nicht weit gekommen.

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          Auch das hat es vorher noch nicht gegeben: Ethiker, Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaftler, die zusammen Theorien der Gesellschaft unter Echtzeitbedingungen entwickeln, also noch während sich deren Elemente unter einer völlig ungewohnten Bedrohung neu zusammensetzen – Theoriebildung live gewissermaßen, über eine Gesellschaft nicht in ihrer Normalfunktion, sondern „under attack“, im Zustand ihrer Auflösung und Neuformierung.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seit der vergangenen Woche haben die Regierungen in Bund und Ländern begonnen, die massiven Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 zu lockern und sich damit auch einem verschärften Rechenschaftsdruck über die dabei angewendeten Kriterien ausgesetzt: Nicht immer erklärt es die epidemologische Rationalität allein – und manchmal läuft es ihr sogar zuwider –, dass bald manche Branchen oder Institutionen wie Grundschulen öffnen sollen und manche nicht. Auf welche Vorannahmen über das, was eine Gesellschaft und einen Staat ausmacht, gründen sich solche Entscheidungen? Wenn es an Transparenz darüber fehlt, kann der Streit über ungleiche Lockerungen, das zeigt sich schon jetzt, den bisher breiten Konsens über die Bekämpfung der Epidemie aufbrechen. Daher entspricht es tatsächlich einer inneren Logik und nicht bloß einem interessegeleiteten Kalkül, wenn nach den Virologen und Epidemologen jetzt verstärkt auch Wissenschaftler anderer Disziplinen ihre Expertise in dieser grundstürzenden Lage einbringen – nicht um den Politikern ihre Verantwortung abzunehmen, sondern um die Rationalität ihrer Beschlüsse überprüfbar zu machen. In den kommenden Wochen wird es nicht zuletzt darauf ankommen, die Bekämpfung der Epidemie als eben die systemische Herausforderung zu analysieren, die sie ist.

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