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Robert Capa in Berlin : Die Badewanne, das Pferd und der Elefant

Als trüge er eine unsichtbare Rüstung: Die Berlin-Fotos von Robert Capa in einer Ausstellung im Centrum Judaicum erzählen die Geschichten der Überlebenden des Grauens.

          3 Min.

          Robert Capa war nicht immer im Krieg. Im August und September 1945 flog er im Auftrag der Zeitschrift „Life“ nach Berlin, um den Schwarzmarkt im Tiergarten und den ersten jüdischen Neujahrsgottesdienst in der befreiten Stadt zu fotografieren. Sein letztes, kurz vor Kriegsende entstandenes Foto aus Deutschland hatte einen amerikanischen Soldaten gezeigt, der in Leipzig von deutschen Scharfschützen erschossen worden war. Jetzt kam er zurück, weil er in Paris als Fotograf nicht genügend Arbeit fand – und weil er sich mit seiner Geliebten, Ingrid Bergman, treffen wollte. Bergman, die gerade die Dreharbeiten zu Alfred Hitchcocks „Spellbound“ abgeschlossen hatte, war mit einem schwedischen Arzt verheiratet, aber eine Reise in Hitlers zerstörte Hauptstadt erweckte damals offenbar keinen Verdacht.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In ihren Lebenserinnerungen hat die Schauspielerin erzählt, wie sie sich auf Capas Bitte in eine zerbrochene Badewanne setzte, die er auf der Straße gefunden hatte. Die Aufnahme, die er von ihr machte, ist verschollen, aber es gibt ein Foto seines Kollegen Carl Goodwin, das die Szene von der Seite zeigt. Darin dreht sich Ingrid Bergman lächelnd zu einer Person außerhalb des Bildes um. Das muss Robert Capa gewesen sein.

          Mit einer unsichtbaren Rüstung durch Berlin

          In jenen Monaten hat Capa in Berlin mehr als sechshundert Fotos aufgenommen. Hundertzwanzig davon stellt das Centrum Judaicum in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in einer von Chana Schütz klug kuratierten Ausstellung vor. Die Schau ist interessant durch das, was sie zeigt, und das, was sie nicht zeigt. Denn Capa hat auch den Alltag in der zerbombten Stadt fotografiert und den Beginn des Zusammenlebens von Siegern und Besiegten: Straßencafés am Kurfürstendamm, Russen, Amerikaner und deutsche Frauen in einem Tanzclub in Schöneberg, zerbrochene Statuen vor dem Berliner Dom, sowjetische Soldaten vor der Siegessäule.

          Aber keines dieser Bilder ist ein Porträt. Nie hat sich Capa den Menschen, die er auf den Berliner Straßen traf, auf weniger als drei Meter Abstand genähert. Es ist, als liefe der Fotograf, der 1913 als Endre Friedmann in Budapest geboren worden und 1933 vor der Rassenpolitik der Nazis aus Berlin geflohen war, mit einer unsichtbaren Rüstung durch Berlin. Der Elefant, den er in den Ruinen des Zoos aufnimmt, ist ihm näher als die Frauen mit den Einkaufstaschen und die Männer auf der Tribüne bei einer Kundgebung für die Opfer des Faschismus. Bezeichnend für Capas innere Distanz ist das Foto, das er von der Quadriga auf dem Brandenburger Tor aus nach Osten gemacht hat. Das rechte Pferd des zerstörten Viergespanns scheint sich in vollem Lauf auf die Straße Unter den Linden stürzen zu wollen, auf deren Mittelstreifen ein großes Plakat von Stalin steht. Die Aufnahme ist perfekt komponiert und vollkommen kalt.

          Anders die Bilder der Feier zu Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, in einer Synagoge in Kreuzberg. Hier nimmt Capas Kamera die Menschen aus kurzer Entfernung in den Blick, sie zeigt weinende Frauen, betende Männer, zwei jüdische Waisenkinder, einen amerikanischen Offizier mit Gebetsschal vor der Torarolle und zwei Männer in deutschen Polizeiuniformen, die in der Bilderstrecke in „Life“ als „jewish policemen“, jüdische Polizisten, bezeichnet werden. Man spürt, wie sich der Fotograf in der Synagoge, unter den Überlebenden der Schoa und ihren Befreiern, unter seinesgleichen fühlt und sich von der Stimmung des Ortes ergreifen lässt.

          Die Ausstellung im Centrum Judaicum endet mit Johannes R. Bechers Gedicht „Kinderschuhe aus Lublin“, das, kurz vor Kriegsende entstanden, bei der ebenfalls von Capa am folgenden Tag, dem 9. September 1945, fotografierten Kundgebung für die Opfer des Faschismus in Neukölln vorgetragen wurde: „Es wird die Sonne brennend scheinen. / Die Wahrheit tut sich allen kund. / Es ist ein großes Kinderweinen, / Ein Grabgesang aus Kindermund.“ Diesen Ton können Capas Fotos nicht anschlagen. Er kannte nur das Grauen der Front, und in Berlin begriff er mit Staunen, dass es nicht mehr existierte. Sein nächstes großes Projekt, achtzehn Monate später, war eine Reise in die Sowjetunion mit dem Schriftsteller John Steinbeck. Seine Affäre mit Ingrid Bergman lag da längst hinter ihm, sein Tod in einem Minenfeld in Vietnam noch weit in der Zukunft.

          Robert Capa. Berlin, Sommer 1945. Stiftung Neue Synagoge/Centrum Judaicum Berlin; bis Ende April 2021. Der Katalog kostet 19,80 Euro.

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