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Unabhängigkeitsfeier in Minsk : Die Patrioten nähen ihre Fahne selbst

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Dauerherrscher mit harter Hand: Weißrusslands Präsident Lukaschenka im Jahr 2015 bei einer Siegesparade in Minsk Bild: dpa

Die Rocklegende grüßt von fern: In Minsk feiern Regierung und Opposition erstmals gemeinsam hundert Jahre weißrussische Unabhängigkeit.

          Die Hauptstadt der Republik Belarus bereitet sich auf das Jubiläum einer Volksrepublik vor, die im März 1918 unter deutscher Besatzung ausgerufen wurde, aber nie ein international anerkannter Staat wurde. Bisher war die Erinnerung an jenes historische Projekt namens Weißruthenien und das Schwenken der dazugehörigen weiß-rot-weißen Flagge allein Sache der Opposition. 2018 bemühen sich zum ersten Mal staatliche Stellen um eine Annäherung.

          Die Minsker Stadtverwaltung gab Anfang März überraschend die Erlaubnis, an dem Gebäude, in dem am 25. März 1918 die Unabhängigkeit der Volksrepublik verkündigt wurde, eine Erinnerungstafel anzubringen. Innerhalb weniger Stunden sammelten die Initiatoren im Internet mehr als zweitausend Euro Spenden. Noch vor einem Jahr hatte die Präsidialadministration von Alexandr Lukaschenka am 25. März Hunderte Demonstranten durch Spezialeinheiten der Miliz in Gewahrsam nehmen lassen. Der Chefredakteur der Minsker Zeitschrift „Arche“, Valera Bulhakau, erklärt: „Der 25. März hatte bisher vor allem subkulturellen Charakter und wurde von den Machthabern bewusst ignoriert.“ Die weiß-rot-weiße Flagge wurde von Lukaschenka kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten in einem Referendum 1995 als Staatssymbol abgeschafft und durch modifizierte sowjetische Symbole ersetzt.

          2018 erinnert nun eine Ausstellung im Nationalen Geschichtsmuseum daran, wie die politischen Aktivisten vor hundert Jahren die Unabhängigkeit der Volksrepublik ausriefen, obwohl bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk von einer weißrussischen Frage nicht die Rede war. Das Buchprojekt „Wege zur Weißruthenischen Volksrepublik“ beschert seinen Herausgebern in der Hauptstadt Minsk einen ungewöhnlich vollen Saal. Während der Diskussion kommt zur Sprache, dass in den wenigen Monaten, in denen sich die Volksrepublik in Minsk hielt, immerhin zehn weißrussischsprachige Schulen entstanden. Heute besitze Minsk nur noch fünf, erklärte der Historiker Uladzimir Liachowski. Dieser Widerspruch prägt die Republik Belarus: Formell ein weißrussischer Staat, dominierte hier lange das Nebeneinander von Russisch als Lingua Franca der ehemaligen Sowjetunion und der Nischenexistenz von Weißrussisch – zunächst als Sprache des Dorfes, später als Sprache der Opposition und heute zunehmend als Sprache der Minsker Hipster.

          Vielleicht ist die Zeit für „echtes Nationbuilding“ gekommen

          Umso erstaunlicher sind die Zeichen, die staatliche Stellen derzeit aussenden. Aktivisten dokumentieren im Internet ein Fax der Hauptverwaltung für ideologische Arbeit, Kultur und Jugendangelegenheiten des Exekutivkomitees Grodno, das alle Museen im Bezirk auffordert, für den 25. März 2018 ein Festprogramm zu organisieren. Eine Konferenz an der Akademie der Wissenschaften sorgte für Aufsehen, weil dort mit Ales Smalentschuk und Pawel Tereschkowitsch zwei Professoren zu Wort kamen, die seit Jahren nicht auf staatlich reglementierten Veranstaltungen auftreten durften. Die Konferenz reihte die Weißruthenische Volksrepublik ohne ideologische Obertöne in eine längere Geschichte weißrussischer Staatlichkeit ein – obwohl sie allein von der Ukrainischen Volksrepublik anerkannt worden war, die ebenfalls mit deutscher Unterstützung entstanden und nicht von langer Dauer war. Die Akademie erstellte eigens zum Jubiläum einen Audioguide zu Orten der Volksrepublik.

          Der historische Anthropologe Tereschkowitsch erklärt die neue Situation damit, dass sich Vertreter des Staates im Vorfeld des Jahrestages um Einbindung und Deeskalation bemühen, und fügt hinzu: „Vielleicht ist es auch so weit, dass wir echtes Nationbuilding beginnen.“ Als Vertreter der Lukaschenka-treuen Eliten des Landes versichert hingegen der Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Waleri Waranecki: „Die Regierung ist an einer stabilen Entwicklung und einer Konsolidierung der Gesellschaft interessiert.“ Im Frühjahr 2018 erlebt man in Minsk einmal mehr, dass Lukaschenka kein Dauerdiktator im Autopilotenmodus ist. Er ist vielmehr ein autoritärer Herrscher, der immer wieder auf die veränderte Situation im Land und in der Region reagiert, um seine Macht zu legitimieren. Nach dem Beginn der Kriegshandlungen in der Ostukraine spielte die Rolle von Minsk als Verhandlungsort der Friedensgespräche eine zentrale symbolische Rolle. Wie sich zeigt, ist für Lukaschenka im Europa nach der Krim-Annexion auch die nationale Karte eine realistische Option, um die Bevölkerung zu mobilisieren.

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