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„Weißer Palast“ : Präsident Erdogans osmanische Traumfabrik

  • -Aktualisiert am

Topkapi à la Hollywood, geschaffen von rückwärtsgewandten Großmachtträumen: Erdogans „Weißer Palast“ in Ankara, umgeben von symmetrischem Ziergrün als Ersatz für ein vernichtetes Naturschutzgebiet. Bild: dpa

Fünf Fußballfelder groß, 280 Millionen Euro – der Präsidentenpalast des Recep Tayyip Erdogan in Ankara ist nicht nur hiermit größenwahnsinnig: Der Bau macht Ernst mit der Rückkehr zum Osmanischen Reich. Eine architekturkritische Betrachtung.

          Unvoreingenommen betrachtet, ist der neue Präsidenten-Palast in Ankara eine späte Stilblüte der längst verdorrten Postmoderne. Da man ihn aber nicht anschauen kann, ohne auch an seinen – gelinde gesagt – autoritären Bauherrn Recep Tayyip Erdogan zu denken, erinnert das Riesenensemble wechselnd an Ceauşescus Marmorkoloss „Casa Poporului“ oder an „Al Salam“ in Bagdad, jenen altorientalisch verbrämten Bunker, den sich Saddam Hussein errichten und wie zum Hohn Friedenspalast nennen ließ.

          Doch mit diesem Vergleich allein würde man dem gigantomanen Neubau in Ankara nicht gerecht. Denn Erdogan ging subtiler vor als die Herren in Rumänien oder dem Irak. Beim Bau seines Ak Sary, sprich: Weißen Palasts, begnügte er sich nicht mit einem Amtssitz, der die sechsfache Größe des Weißen Hauses von Washington und die siebenundzwanzigfache des Élysée-Palasts in Paris aufweist. Ausdrücklich erklärte der Präsident, er habe seinen Sitz mit „osmanischen und seldschukischen Elementen“ versehen lassen. Mit anderen Worten: Er verlangte eine bei aller Modernität traditionsbewusste Architektur, eine bildhafte Synthese aus der Geschichte und der Gegenwart der Türkei.

          Feierliche Eröffnung am Tag der Türkischen Republik: Der Bauherr vor dem Empfang seiner Gäste Bilderstrecke

          Als Erdogan in diesem Zusammenhang irrtümlich auf Ankara als „einstige Seldschukenhauptstadt“ verwies, blamierte er sich als von Geschichtskenntnis relativ unbefleckt. Und obendrein zeigte er sich mit seinem Palast auch als architekturhistorisch äußerst dürftig informiert. Denn das, was sich hinter martialischen, mit goldenen Sternen und Halbmonden verzierten Speerspitzengittern präsentiert, ist ein vielleicht imposantes, aber sehr vage historisierendes Beieinander monumentaler Kuben, die sich mit neckischen Flugdächern als grazile Pavillons gerieren. Letztere wiederum sind so ziemlich das Einzige, was man ein typisch osmanisches Motiv nennen kann – der stattliche Rest an Dekor ist Allerweltsorient; will sagen: Osmanische und seldschukische Architektur ist allenfalls an Gestaltungsmerkmalen historischer Moscheen wie zum Beispiel der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul auszumachen. An profanen Vorbildern für Erdogans Palast aber kommt mangels erhaltener anderer Beispiele einzig der weltberühmte Topkapi-Palast in Istanbul in Frage – und der besteht aus einer weiträumigen, quasi legeren Ansammlung unterschiedlich dekorierter, in Gärten und Parks gebetteter Pavillons.

          Unterwirft sich die umgebende Landschaft

          Erdogans Weißer Palast dagegen kennt nichts Legeres, er ist streng axialsymmetrisch geordnet und unterwirft sich die umgebende Landschaft mit hierarchisch ausgreifenden Gesten. Die umlaufenden Pfeilerbündel seiner plumpen Möchtegern-Pavillons aus Stahlbeton erinnern zwar optisch an das grazile Stabwerk der Bauten in Topkapi, sind realiter aber, samt einer unterirdischen atombombensicheren Kommandozentrale, äußerst massiv.

          Trotzdem mutet der Präsidentenpalast auf Anhieb türkisch an. Warum dem so ist, erkennt jeder, der auch nur gelegentlich den Orient respektive die Türkei auf Kinosesseln besucht und durch die Brille eines James Bond oder sonstiger Hollywood-Helden betrachtet hat. Wen nicht schon das Äußere dieses Palasts an Filmkulissen erinnert, den werden die Innenansichten überzeugen: Treppenfluchten, so pompös und schwungvoll wie in den Revuefilmen eines Vincente Minelli oder Baz Luhrmann, opak leuchtende Hängeampeln wie aus einem Remake von „Ali Baba“, rote Teppiche, die jede Oscar-Prozession in den Schatten stellen, verchromte Vierkantpfeiler à la „Goldfinger“, versenkte Lichtkuppeln wie bei Grauman’s Chinese Theatre in Los Angeles – das Werk des Architekten Sefik Birkiye übertrifft jedeFilmdekoration an Plakativität.

          Was bisher an staatlichen Gebäuden in Ankara entstanden sei, so erklärte der Präsident kürzlich in einem Kommentar zum Neubau, sei „der türkischen Republik nicht angemessen“. Ein selbst für diesen „starken Mann“ riskantes Urteil. Denn damit fegt er beiseite, was Mustafa Kemal Atatürk, der von ihm angeblich so bewunderte Gründer der modernen Türkei, einst in Auftrag gab. Freilich: Osmanisch oder seldschukisch im Sinne Erdogans hat Atatürk nie bauen lassen. Er beauftragte moderne europäische Architekten. So schuf der Österreicher Clemens Holzmeister in den dreißiger Jahren nicht nur die wichtigsten Ministerien der neuen Republik, sondern von 1938 bis 1963 sogar das Parlament als modern sachliche Bauten; bei Würdemotiven begnügten er und seine Auftraggeber sich mit einigen gemäßigt expressionistischen und neoklassizistischen Appliken; besonders schlicht geriet Holzmeister Atatürks Amtssitz, den Erdogan nun als zu dürftig verschmäht.

          Das bis heute berühmteste Gebäude der klassischen Moderne in Ankara ist das Opernhaus. Für seinen Bau holte man den Deutschen Paul Bonatz, der eine unerhört dynamische, mit Rundungen und wagehalsigen Kuben überraschende Architektur entwarf. Was wiederum Erdogan von modernen Opernhäusern hält, bewies er im Juni 2013, als er auf dem Taksim-Platz gewaltsam Tausende Demonstranten vertreiben ließ, die gegen die geplante Rodung des benachbarten, von dem französischen Architekten Henri Prost entworfenen Gezi-Parks – und den Abriss eines angrenzenden, leerstehenden Opernhauses aus den sechziger Jahren – protestierten. Stattdessen hätte eine Mall entstehen sollen, die durch eine Nachbildung von Fassadenteilen der Topçu-Kaserne ein „osmanisches Äußeres“ erhalten sollte.

          Im Jahr 2013 verweigerte das Verwaltungsgericht Istanbul den Bebauungsplan. Und als Erdogan erklärte, er werde den Präsidentenpalast in einem Naturschutzgebiet bauen lassen, schritt sogar das höchste Verwaltungsgericht Ankaras ein. Der Präsident konterte mit der Bemerkung, die Richter sollten den Palast „doch abreißen, wenn sie die Macht dazu haben“. Als er dann kurzerhand das Areal zum Baugebiet erklärte, war endgültig klar, wer die Macht hat. Worauf sie gründet, verkündet seit zwei Tagen die Hollywoodarchitektur des Weißen Palasts: auf dem Traum vom neuen Osmanischen Reich. Ihn träumt, so heißt es, ein großer Teil der türkischen Bevölkerung mit.

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