https://www.faz.net/-gqz-9eema

Neues subtiles Must-have : Fast gar nicht tätowiert

  • -Aktualisiert am

Trendsetterin: Cara Delevingne Anfang des Monats in Toronto Bild: Reuters

Menschen hatten noch nie so viele Probleme sich festzulegen. Da scheint ein Tattoo mit seiner Beständigkeit fast ein Ding der Unmöglichkeit. Beliebt ist es dennoch. Jetzt gibt es einen neuen Trend. Eine Glosse.

          Auf nichts will der westliche Mensch sich festlegen: Er ist Flexitarier und Teilzeitmonogamist, Dieselfahrer und Umweltaktivist, Demokrat und Politikverächter. Kratzt es im Hals, schluckt er Globuli und Antibiotika. Erst geht er zelten. Dann bucht er eine Kreuzfahrt. Streamt auf dem Sonnendeck blutige Real-Crime-Serien und liest eine Zeitschrift über das idyllische Landleben. Ja, was denn nun? stöhnen da nicht nur Marktforscher auf ihrer immer sinnloseren Jagd nach Zielgruppen. Leben in der Nichtfestlegung, wohin man blickt.

          Ein Megatrend aber kündet vom Mut zum unauslöschlichen Bekenntnis: die Tätowierung. Was einmal mit tintengetränkter Nadel unter die Haut gestochen wurde wie das Urteil in Kafkas Strafkolonie, lässt sich, wenn überhaupt, nur unter Schmerzen entfernen. Bis dass der Tod uns scheidet – das gilt eigentlich bloß noch fürs Tattoo. Wird es nicht gerade deshalb immer beliebter? In Fußgängerzonen, an Stränden und in Fitnessstudios kann man den Eindruck gewinnen, dass mindestens eine Tätowierung zum zeitgemäß kuratierten Körper dazugehört. Dass, wie das Meinungsforschungsinstitut Allensbach herausgefunden haben will, nur ein knappes Fünftel der Bundesbürger tätowiert ist, was immerhin doppelt so viele Tätowierte ausmacht wie noch vor anderthalb Jahrzehnten, erscheint einem untertrieben.

          Lassen wir einmal die Tattoos von Kriminellen und Radikalen beiseite und blicken auf die Trendstecherei, die sich in den sogenannten bürgerlichen Kreisen breitmacht: Schwarz und bunt auf blanker Haut, so sieht der Wunsch zur Festlegung aus, zur Kunst am Körperbau, zum Geschmack, über den sich streiten lässt auch in der Konsenskultur. Falsch gedacht. Denn im Schatten der kontrastreichen Ethno-Schnörkel, Asia-Schriftzeichen und wadenfüllenden Porträtköpfe hat dezent der nächste Trend die Haut der globalen Influencer erobert: weiße Tattoos. Diskret wirken sie natürlich nur auf heller Haut. Eine der Ersten, die mit ihrem „White Ink Tattoo“ Begeisterungsstürme bei ihren 41,4 Millionen Online-Followern auslöste, war Cara Delevingne. „Breathe deep“, tief atmen, steht hauchzart auf einem ihrer Innenarme, ein kalligraphisches Mantra gegen respiratorische Insuffizienz.

          Genau betrachtet, wirkt die Tätowierung eher wie eine girlandenförmige Narbe oder eine Ansammlung ambitionierter Dehnungsstreifen. Aber man sieht es ja kaum. Bar Refaeli und Kate Moss stachen nach, Rihanna und Lindsay Lohan, schon galt das weiße Tattoo als subtiles Must-have. Ist ja auch praktisch: Sich tätowieren lassen, fast ohne tätowiert zu sein, wie mit Geheimtinte, die – besonders cool – in Schwarzlicht leuchtet. Damit das Kunstwerk unauffällig bleibt, muss man sich mit Sonnencreme einreiben, da freut sich der Hautarzt. Den Namen des aktuellen Lebenspartners kann man sich gefahrlos einnadeln lassen. Die Zier hält wohl nur ein Jahr, danach zerfallen die Pigmente. Doch bevor Sie jetzt losrennen ins nächste Tattoo-Studio: So ganz ohne ist die Light-Version doch nicht. Manchmal verfärbt sich das Weiß gelblich oder grünlich. Je nach Design sieht das Trendkunstwerk dann aus wie eine Hautkrankheit. Dann doch lieber den schwarzen Totenkopf mit Herz.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Der Wortschnuppenfänger

          Rühmkorf-Ausstellung : Der Wortschnuppenfänger

          Arbeit am narbengesichtigen Sudelbrett der Poesie: Hamburg zeigt die erste große Ausstellung zu Leben und Werk des Dichters Peter Rühmkorf im Altonaer Museum. Das wurde auch Zeit.

          So und nicht anders

          Roman von Matthias Brandt : So und nicht anders

          Es ist nicht leicht, sechzehn zu sein: Matthias Brandt erzählt in seinem Roman „Blackbird“ von einer Jugend in den Siebzigern. Er tut es mit einem traumhaft sicheren Gespür, wovon man reden muss und was man weglässt.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.