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Weiße Schwarzenrechtlerin : Viel Häme und ein Rücktritt

Rachel Dolezal leitete einen Ortsverband der wichtigsten schwarzen Bürgerrechtsorganisation der Vereinigten Staaten, der NAACP. Bild: AP

Ein Interview ihrer Eltern setzte Rachel Dolezal Vorwürfen aus, sie habe sich für ihre Karriere als Bürgerrechtlerin eine schwarze Herkunft angedichtet. Nun ist die Vorsitzende der Vereinigung NAACP von ihrem Amt zurückgetreten.

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          Rachel Dolezal ist als Vorsitzende der Ortsgruppe der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in Spokane im Staat Washington zurückgetreten. Die Siebenunddreißigjährige kam damit einem Abwahlantrag zuvor, der auf einer für Montagabend angesetzten Mitgliederversammlung hatte eingebracht werden sollen. Rachel Dolezal hatte für diese Sitzung eine persönliche Erklärung zu den Vorwürfen angekündigt, sie habe sich eine schwarze Herkunft angedichtet, um auf dem Feld des bürgerrechtlichen Engagements Karriere zu machen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Sonntag gab sie kurzfristig die Verschiebung der Sitzung bekannt, mit der Begründung, sie müsse zunächst weitere Rücksprache mit den Funktionären übergeordneter Gliederungen der NAACP halten. Die NAACP-Führung in der Bundeshauptstadt Washington hatte sich zunächst hinter die Ortsgruppenvorsitzende gestellt und die Öffentlichkeit daran erinnert, dass die Zugehörigkeit zum schwarzen Volksteil keine Bedingung für die Übernahme eines Amts in der 1909 gegründeten Bürgerrechtsvereinigung ist.

          Die Onlinegemeinde reagiert mit Häme

          Aus dem Ortsvorstand wurde Rachel Dolezal noch im Laufe des Sonntags entgegengehalten, dass sie mit der Vertagung der Mitgliederversammlung ihre Kompetenzen überschreite. Die Versammlung soll nun wohl plangemäß stattfinden, wahrscheinlich ohne Rachel Dolezal, die die Amtsgeschäfte an ihre Stellvertreterin übergeben hat. Rachel Dolezal, die erst seit dem 1. Januar als Vorsitzende amtierte, gab ihre Rücktrittsentscheidung in einem länglichen Eintrag auf der Facebook-Seite der örtlichen NAACP bekannt.

          Dort ergoss sich im Kommentarbereich erwartungsgemäß ein Strom der Häme über die Verfasserin des Rücktrittsbriefes, die trotzig versichert, sie gebe den Kampf für Gerechtigkeit nicht auf. „This is not me quitting, this is a continuum.“ Das Echo eines Spruchs von Hillary Clinton ist wahrscheinlich unbeabsichtigt: Die demokratische Präsidentschaftskandidatin bemühte sich dieser Tage, ihren hartnäckigen Ehrgeiz zur sportlichen Tugend umzudefinieren, indem sie versicherte, sie sei „no quitter“.

          Kaum ein Vorwurf an die Eltern

          Naturgemäß begründet die gescheiterte Ortsvorsitzende ihren Rückzug mit dem Wohl des großen Vereinsganzen. Die entsprechende Formulierung fällt einigermaßen umständlich aus: Im Zentrum des Empörungssturms könne sie sehen, dass eine Trennung der Ergebnisse für Familie und Organisation im Interesse der NAACP liege. Ob das so zu verstehen ist, dass Rachel Dolezal sich zunächst um die Versöhnung in ihrer Familie kümmern will, ist schwer zu sagen.

          Facebook-Kommentatoren raten ihr, sich bei ihren Eltern zu entschuldigen, die einem lokalen Fernsehsender ihre Geburtsurkunde zeigten, um ihre Behauptung zu widerlegen, ein schwarzer Mann auf einem früher bei Facebook publizierten Foto sei ihr Vater. Kaum einer der Kommentatoren macht den Eltern einen Vorwurf daraus, dass sie ihre Tochter als Lügnerin bloßstellten.

          Rachel Dolezal beklagt sich über die Öffentlichkeit, die ihre Person zum Gegenstand einer Debatte gemacht habe, ohne „die ganze Geschichte“ zu kennen. Zu dieser Geschichte trägt die vor dem Skandal mit autobiographischen Selbstauskünften äußerst großzügige Künstlerin und Pädagogin in ihrer offiziellen Einlassung nichts Neues bei. Noch am Wochenende hatte sie in einem Fernsehinterview unter Verwendung eines Kraftausdrucks erklärt, ihr sei egal, was die Öffentlichkeit darüber denke, dass sie sich als Schwarze verstehe.

          Verbleib im anderen Amt unwahrscheinlich

          Rachel Dolezal zählt im Facebook-Brief an die NAACP-Mitglieder von Spokane prosaische kleine Fortschritte in der Organisationsarbeit auf, die sie sich als Verdienst zurechnet, wie die Anmietung neuer Büroräume in der Innenstadt. In der Rekapitulation des großen Kampfes der Bürgerrechtsbewegung vom Widerstand gegen die Sklaverei bis zu den heutigen Demonstrationen gegen Polizeigewalt bleibt Platz für die Form des kreativen persönlichen Engagements, deren ausdrückliche Rechtfertigung sie schuldig bleibt: Es sei entscheidend für die Evolution des menschlichen Gattungsbewusstseins, das Konstrukt der Rasse infrage zu stellen.

          Es scheint unwahrscheinlich, dass Rachel Dolezal ihr Amt als Vorsitzende eines städtischen Beirats zur Begleitung der Polizeiarbeit behalten kann. An der Eastern Washington University, wo sie als Lehrbeauftragte mit Professorentitel im Fachbereich für afrikanische Studien unterrichtet, sind die Meinungen in der Studentenschaft geteilt. Rachel Dolezals vorsorglicher Hinweis in einem Interview, alle Menschen hätten afrikanische Vorfahren, harmoniert mit dem Lehrplan, der ausdrücklich den Standpunkt des Afrozentrismus vorschreibt.

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