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„Weimarer Dreieck“ : Deutsch-polnische Tage

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Noch nicht so eng wie mit Sarkozy, dafür natürlicher: Angela Merkel und der polnische Ministerpräsident Donal Tusk Bild: ddp images/AP/Alik Keplicz

Die passende Position im „Weimarer Dreieck“ und der Europäischen Union muss Polen erst noch finden. Für die polnische Regierung gilt es dabei, das deutsch-französische Techtelmechtel zu hintertreiben.

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          Die Wanderausstellung französischer, deutscher und polnischer politischer Karikaturen, die derzeit durch Deutschland (Frankfurt an der Oder, Berlin, Bonn) tingelt, um dann auch in Polen und Frankreich gezeigt zu werden, bringt manche pausbackige Klischees zum Vorschein, die man in den Ländern des Weimarer Dreiecks voneinander hat.

          Plantu - der Hauskarikaturist von „Le Monde“ - hat es mit dem Ehebett. Da winselt Sarkozy 2011, mit einer pummeligen Germania ertappt, zur verdatterten Carla: Er tue es ja nur für Europa . . . Dann wiederum entführt Helmut Kohl 1990 zwei Kinder - Silesia und Pomerania - ins deutsch-deutsche Ehebett, während er der besorgten Mutter Polonia im Bauernlook erklärt, sie seien da „nur zum Spielen“. Die EU ist für Plantu ein wackeliges Floß, von dem die Bundeskanzlerin Griechenland hinunterstößt. Aber nach dem französischen „Non“ zur EU-Verfassung erschien ihm auch Frankreich wie eine einsame Insel, von der sich der europäische Dampfer entfernt. Deutschland dagegen assoziierte er immer wieder mit einer Mauer - zuletzt als eine von Skins umstellte Festung gegen Einwanderer. Die polnische Personage ist recht begrenzt: Lech Walesa, der polnische Papst, General Jaruzelski und der gefährliche polnische Klempner, der den französischen Arbeitsmarkt bedroht, vielleicht aber beim Abwracken des asbestverseuchten Flugzeugträgers „Clemenceau“ von Nutzen hätte sein können.

          Innere Nachbarn: Nicht nur auf politischer Ebene

          Karikaturen überzeichnen, geben aber ein gutes Stimmungsbild. Aus der Pariser Perspektive ist die EU in Ordnung, wenn sie von einem französisch-deutschen Tandem gelenkt wird und die politisch-moralische Autorität Frankreichs das deutsche wirtschaftliche Übergewicht wettmacht. Das geflügelte Wort Helmut Kohls, er verneige sich dreimal vor der Tricolore, bevor er sich einmal vor der deutschen Flagge verneige, belegte, dass diese Rollenverteilung auch von der Bonner Republik akzeptiert wurde.

          Der Warschauer Wahrnehmung Europas ist diese Schattierung fremd. Für viele Polen hat Frankreich durch sein Desaster im Sommer 1940 den moralischen Anspruch auf eine privilegierte Führungsrolle in Europa verwirkt. De Gaulle und die Résistance mögen zwar die Ehre Frankreichs gerettet haben, doch der reale militärische Beitrag Frankreichs zum Sieg war 1944 - gemessen an den bewaffneten Soldaten, die im gleichen Jahr gegen das „Dritte Reich“ kämpften - geringer als der polnische. Und auch sein Status als Großmacht ist seit 1945 reichlich relativ. Während die Bonner Republik europäisch werden musste, um akzeptiert zu werden, schrieb Peter Sloterdijk 2008 in seiner „Theorie der Nachkriegszeiten“, konnte Frankreich eigene Interessen als europäische hinstellen. Sein Verdienst dabei war allemal die Einbindung der Bundesrepublik in Europa. Sein Versäumnis heute ist die Reduzierung des „Tandems“ fast ausschließlich auf die Rettung der Eurozone.

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