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Naturkundler Büttner : Der große Sonderling

  • -Aktualisiert am

Sammler und Gelehrter: Christian Wilhelm Büttner Bild: Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Siebenundvierzig Sprachen im Kopf und mächtig viel um die Ohren: Eine Ausstellung in Weimar entdeckt den Sammler und Naturkundler Christian Wilhelm Büttner neu.

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          Der Darmstädter Kriegsrat Johann Heinrich Merck machte den Weimarer Hof 1779 auf einen der kuriosesten Büchersammler jener Zeit aufmerksam: „Der alte Büttner sitzt unter Affen und Hunden, und im ganzen Haus riechts nach Katzen Piß. Aber einer ihrer größten Gelehrten, der 47 Sprachen versteht“, sei er doch gewesen. Christian Wilhelm Büttner, 1716 als Sohn eines wohlhabenden Hofapothekers in Wolfenbüttel geboren, hatte sein ganzes Göttinger Professorengehalt in Bücher und Handschriften aus aller Welt investiert. Da kam ihm der lukrative Ankauf seiner riesigen Sammlung durch Herzog Carl August sehr entgegen, zumal er die Bücher 1783, bei seinem Umzug ins Jenaer Schloss, zunächst bei sich behalten durfte. Erst nach Büttners Tod 1801 erfasste sie Goethes Schwager Christian August Vulpius in Weimar, um sie dann als herzoglichen Besitz auf die Bibliotheken und Archive des Fürstentums zu verteilen.

          Einzig sein Porträt aus der Werkstatt Johann Heinrich Tischbeins (unsere Abbildung) verblieb bis heute in der Göttinger Ahnengalerie. Wahrscheinlich ist dieses Bildnis des ehemaligen Professors der Naturgeschichte und Chemie dort das weitaus witzigste. Auf den ersten Blick wirkt es konventionell. Héctor Canal Pardo und Jutta Eckle, die jetzt eine schöne Kabinettausstellung zu Büttner im Goethe- und Schiller-Archiv kuratiert haben, konnten aber weit mehr auf dem Suchbild entdecken. Es repräsentiert die weiten Interessen des Dargestellten, versieht sie zugleich aber mit ironischen Anmerkungen.

          Im Bücherregal befinden sich oben naturkundliche, unten sprachgeschichtliche Werke. Der erste Band steht auf dem Kopf, weil er ein rückschrittliches Bild der Natur vertritt. An Stelle des dritten liegt der Ausleihzettel von Büttners Schüler Johann Friedrich Blumenbach, der ihn nicht nur an Bezügen übertraf, sondern jetzt auch noch den Gessner und Camerarius wegschleppte. Auf der Brettkante ist ein Hinweis auf den Philosophen Demokrit zu erkennen, der sich lange vor Wielands Roman über die Sonderlinge von Abdera lustig gemacht hatte. Und neben der Schreibfeder liegt eine Pflaume, die von einem Baum stammt, der erst im 65. Jahr Früchte trug – weil Büttner selbst erst spät und spärlich publizierte.

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          Der Gelehrte selbst ist mit den chinesischen Zeichen für „Schriftsprache“ in der Hand zu sehen, sein Ellbogen ist auf ein zentrales Werk des Botanikers John Ray gestützt, vor ihm liegen Naturalien, Laborinstrumente und Artefakte. Hinter seinem Stuhl verkündet ein Zettel auf Latein seine empirische Methode, wonach Erkenntnis allein durch Autopsieren, Zählen, Messen und Wiegen sowie aus Büchern zu erlangen sei. All diese – teils selbstkritischen – Details erfassen auf prägnante Weise diesen besessenen Mann, den Goethe gegenüber Frau von Stein „das alte lebendige Encyklopädische Dicktionair“ nannte.

          Dessen Schriftliebe zeigt sich in den sprachgeschichtlichen Atlanten, die einen Großteil der Ausstellung bilden. Büttner versuchte eine Art Universal-Alphabet aus 47 verschiedenen Schriftzeichensystemen aus allen Weltregionen zu entwickeln, für die er viele Handschriften kaufte. In umfangreichen Tabellen verzeichnete er Buchstaben unterschiedlichster Sprachen und ihre möglichen Verwandtschaften. Die semantische Entsprechung findet sich im Plan eines vielsprachigen Wörterbuchs, das tausend lateinische Wörter in dreihundert Sprachen abbilden sollte. Zu sehen ist ein Doppelblatt mit 113 Begriffen in neunzehn Übertragungen, einige Spalten sind noch nicht en miniature beschriftet, weil das Projekt nie vollendet wurde.

          Wenn Jean Paul seinen Helden in der „Selberlebensbeschreibung“ sich ein eigenes Alphabet erfinden lässt, so findet der sich in seiner geheimen Privatsprache zurecht, „ohne nur in die Büttnerschen Vergleichtafeln aller Schriftarten zu gucken“. Das ist lustig und ernst zugleich. Denn was hier oder im „Schulmeisterlein Maria Wutz“ – der sich aus Mangel an Geld einfach eine eigene Bibliothek auf Grundlage von Messkatalogen zusammenschreibt – parodiert wird, verkörperte Büttner in gewisser Weise selbst. Er war genau solch ein zurückgezogener Tüftler, der den ganzen Tag an Buchstaben- und Worttabellen frickelte, Zahlenquadrate (auch die wunderbar ausgestellt) kombinierte und dabei die Nase ständig in etliche Bücher vergrub. Dabei schien er völlig die Übersicht verloren zu haben. Als man seine 1783 aus Göttingen nach Jena mitgebrachte Bibliothek 1802 abholen wollte, hatte sie sich schon wieder chaotisch vermehrt. Goethe sprach von 2500 Dubletten, unausgepackten und ungebundenen Bänden, einer einzigen „Gerümpel-Wirthschaft“. Jetzt wird dieser „wunderliche Mann“, so Goethe weiter, im Archiv wiederentdeckt – als ein Phänomen, das eben auch zur scheinbar so harmonischen, geschlossenen, wohlproportionierten Welt der Weimarer Klassik gehört.

          Alphabete der Natur – der Sammler Christian Wilhelm Büttner. Im Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar; bis zum 20. Dezember. Kein Katalog.

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