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Weihnachtsmarkt in Tepito : Ein Basar als Nervenzusammenbruch

  • -Aktualisiert am

Greller die Glocken nicht klingen, piepen und beepen als in Tepito Bild: youtube(Screenshot F.A.Z.

Hier ist alles gefälscht, alles gefährlich, bunt, laut, lustig und brutal: Weihnachten in der Vorhölle des Konsums, in Tepito, Mexikos größtem und irrstem Markt. Sämtliche Versuche, ihn zu bändigen, sind gescheitert.

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          Pünktlich zum Fest lancierte Tepito über Twitter seinen Frühjahrskatalog 2015. Mit dabei: „Star Wars VII“, das im Rest der Welt erst ein Jahr später erscheint, das noch zu komponierende Pink-Floyd-Album „The Endless River 2“ sowie „Super Windows“, ein neues Betriebssystem von Microsoft, das auch auf einem Mac läuft. Das Statement endete mit dem anarchokapitalistischen Schlachtruf: „Wir sind mehr, wir sind billiger, wir sind tausend Mal lebendiger.“

          Das Ganze war natürlich ein Hoax, gepostet von der Asociación de Piratas de Tepito - Piraterievereinigung Tepito -, beschrieb das System des größten Warenumschlagplatzes der Hauptstadt aber perfekt: Respektlos, wendig und alle Konventionen missachtend, ist Tepito dem herkömmlichen Markt der Discounter immer einen Schritt voraus.

          Tepito-Szene: Die sich unbarmherzig vorwärtsschiebende Menschenmasse
          Tepito-Szene: Die sich unbarmherzig vorwärtsschiebende Menschenmasse : Bild: Airen

          Tepito ist das größte Einkaufszentrum von Mexiko-Stadt, in allerbester Lage, nur ein paar Blocks vom Zócalo, dem zentralen Platz vor dem Regierungsgebäude, entfernt und im ganzen Land bekannt für seine niedrigen Preise und das breite Sortiment. Das Viertel ist gut fünfzig Straßenzüge groß und so etwas wie das schwarze Schaf unter den Bezirken der Hauptstadt, eine laute, hässliche, heruntergekommene Gegend, ein dicht besiedeltes Labyrinth, eine mexikanische Favela. Es gibt Menschen, die dieses Viertel niemals betreten würden, und andere, die nichts lieber täten, als es zu verlassen.

          Von oben sieht Tepito aus wie eine riesige Zeltstadt

          Wenn Tepito das ganze Jahr über ein Irrenhaus ist, dann ist es in den Wochen vor Weihnachten der Basar gewordene Nervenzusammenbruch. Zu Hunderttausenden strömen die Mexikaner in das Viertel, um ihr Weihnachtsgeld auf den Kopf zu hauen. Neben Heiligabend steht mit Heilige Drei Könige das zweite große Gabenfest Mexikos vor der Tür - was der Weihnachtsmann vergessen hat, bringen zwei Wochen später die Reyes Magos, die Zauberkönige. Mitte Januar ist die durchschnittliche mexikanische Familie dann wieder pleite. Doch bis dahin halten ihre Pesos die Tepito AG am Laufen.

          Von oben muss Tepito aussehen wie eine riesige Zeltstadt, ein wildes Planendickicht aus behelfsmäßigen Ständen, das durch die Straßen wuchert und die Bausubstanz mittlerweile komplett verdeckt. Es fängt gleich hinter dem Zócalo an, mit ein paar Decken auf dem Gehweg, auf denen USB-Sticks aufgetürmt sind, dann schwillt der Klang an, Stände schießen aus dem Boden, bunte Planen wuchern über den Kopf, und plötzlich ist man mitten drin: verschluckt vom Ungeheuer des mexikanischen Schwarzmarkts.

          Tepito-Szene: Alle Versuche, diesen Stadtteil von Mexiko-City zu bändigen, sind gescheitert
          Tepito-Szene: Alle Versuche, diesen Stadtteil von Mexiko-City zu bändigen, sind gescheitert : Bild: Airen

          Eingeklemmt in eine sich unbarmherzig vorwärtsschiebende Menschenmasse, wird man an Ständen vorbeigedrückt, mit Seifenblasen bombardiert, von Wasserpistolen unter Beschuss genommen und mit brutal lautem Reggaeton terrorisiert, dem heißen karibischen Soundtrack der mittelamerikanischen Unterschicht. Während man wie Vieh durch die engen Gassen getrieben wird, einen Schubkarrenkuli im Genick, der einen fortwährend anschnauzt „Vorsicht! Achtung! Schubkarre! Hey!“, wird man Zielscheibe von Koberern, die einen in ihre Amüsierlokale locken wollen, gerät ins Visier von Schminkkünstlern und Piercern, bekommt Quietschtiere ans Ohr gehalten, und fliegende Händler drücken einem unvermittelt ihre Nagelfeilen ins Gesicht.

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