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Weihnachten in Israel : Ein frohes Chrismukkah

  • -Aktualisiert am

Crossover: Issa Kasissieh reitet kostümiert durch die Altstadt von Jerusalem. Bild: Reuters

Jerusalem hat erstmals einen Weihnachtsmarkt. Doch so ganz einfach ist es nicht mit dem Christfest – sind Weihnachtsbäume nun koscher oder nicht?

          3 Min.

          Für das Weihnachtsgeschäft im Heiligen Land, das dort seit geraumer Zeit boomt, sieht es auch in diesem Jahr erfreulich aus. Die Begeisterung säkularer und, durch welche Abstammungsverhältnisse auch immer, christlich geprägter Israelis für das Lichterfest hält ungebrochen an. Die Nachfrage nach Weihnachtsartikeln ist sogar noch gestiegen, und da diesmal das christliche Fest mit der jüdischen Chanukka-Feier zusammenfällt, kam eine junge israelische Designerin auf die Idee, beide in einem Konsumartikel zu verschmelzen: Die in Tel Aviv tätige Liran Elbaz hat einen Elch aus Metall angefertigt, dessen Geweih als Chanukkia fungiert – jener Leuchter, mit dem die Juden alljährlich an die kurze glorreiche Epoche der Makkabäer-Herrschaft erinnern.

          Die Urheberin hat auch die jüdische Kundschaft im Ausland, die gerne beide Feste feiert, im Blick: „Weihnukka“ nannte sich einst in Deutschland die umstrittene synkretistische Feier, die für manchen innerjüdischen Zwist sorgte. Die heutige israelische Version lautet „Chrismukkah“ und kommt aus Amerika. Auch die Palette der von der amerikanischen Weihnachtskultur inspirierten Christmas-Artikel wird immer breiter. Neben dem gängigen „kova santa“ (Nikolausmütze) sind in diesem Jahr auch Weihnachtskleider für Frauen angesagt. Dass sich ihr Name, „simlat santa“, von einer männlichen Figur ableitet, dem amerikanischen „Santa Claus“, stört die Kundschaft offenbar wenig.

          Ist ein Weihnachtsbaum in der Lobby koscher?

          Immer beliebter wird in Israel auch der Besuch eines „shuk christmas“, wie der Weihnachtsmarkt umgangssprachlich heißt. Tel Aviver, denen die zweistündige Fahrt nach Nazareth zum größten des Landes zu lang ist, können sich mittlerweile über eine etwas bescheidenere Version vor der eigenen Haustür freuen: Geschäftstüchtige Nazarener entsenden jetzt einen Ableger ihres städtischen Weihnachtsmarktes in die Küstenmetropole, die Veranstaltung ist mit dem religiös neutralen Namen „Lights Market“ überschrieben. Die eigentliche Sensation des Jahres kommt aber aus Jerusalem, der Wirkstätte Jesu. Zum ersten Mal findet dort, im christlichen Viertel der Altstadt, ein Weihnachtsmarkt statt – mit einem riesigen, weithin leuchtenden Weihnachtsbaum.

          Die Festfreude teilen freilich nicht alle im Land. Wegen der steigenden Popularität und Zahl der öffentlich aufgestellten Weihnachtsbäume schlägt jetzt die jüdische Orthodoxie Alarm. In Jerusalem wies das städtische Rabbinat alle Hotelbesitzer an, in der Lobby keinen Christbaum aufzustellen, da dies das jüdische Religionsgesetz verbiete. Aus dem gleichen Grund seien auch Silvesterpartys zu unterlassen.

          Weihnachtsbäume in Jerusalem: Ein heidnischer Brauch?

          Die israelischen Hoteliers wollen sich dem Diktat allerdings nicht beugen. Noaz Bar Nir, Vorsitzender ihres Dachverbandes, argumentiert damit, dass die Koscher-Regeln nicht für den Bereich „Atmosphäre“ gälten und zudem Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Besucher genommen werden müsse, unter denen sich auch zahlreiche Christen befänden. Das israelische Tourismusministerium, das sich nun zu einer Stellungnahme gezwungen sieht, erklärt diplomatisch: Jeder Hotelbesitzer müsse selbst entscheiden, ob er Weihnachtsdekoration anbringe. Als Vorbild für Weltoffenheit verweist man dabei auffälligerweise und ausgerechnet auf die Hotels in den arabischen Golfstaaten.

          Der Baum bleibt

          Auch in der Hafenstadt Haifa, wo seit Jahren schon im Dezember Muslime, Christen und Juden im arabischen Viertel gemeinsam ihre Feste feiern, sorgt ein Weihnachtsbaum für Streit. Er wurde im Mensagebäude der Technischen Hochschule Technion aufgestellt, worauf prompt Beschwerden bei Elad Dokov, dem Rabbiner der Bildungsanstalt, eingingen. Er hat gleich allen jüdischen Studenten verboten, die Anlage zu betreten. Begründung: Weihnachtsbäume seien besonders problematisch, weil sie in Wahrheit keinen christlichen, sondern einen heidnischen Brauch darstellten. Nun schlägt ihm heftiger Protest nicht nur seitens der Studentenschaft entgegen, die sich auf die Religionsfreiheit beruft.

          Der israelisch-arabische Rechtsanwalt und Parlamentsabgeordnete Yussef Jabarin, ein Muslim, fordert die Entlassung des Rabbiners, den er auch wegen Anstiftung zu Rassismus vor Gericht sehen will. Der geschmückte Baum indes bleibt. Die Technion-Leitung hat sich auf die Seite der Protestierenden gestellt: Rabbiner Dokov habe lediglich seine persönliche Meinung geäußert. Die Hochschule sei ein Ort der Toleranz, weshalb man außer dem Christbaum auch eine Chanukkia aufgestellt habe.

          Nicht nur solche Vorfälle trüben die Weihnachtsstimmung im Land. Unter den Opfern des Berliner Anschlags ist auch das israelische Ehepaar Dalia und Rami Elyakim, die wie zahlreiche ihrer Landsleute gerne zu Weihnachtsmärkten in Europa reisen. Die Frau kam ums Leben, der Mann ist schwer verletzt. Mit dem traurigen Fall sind die israelischen Medien nun intensiv befasst.

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