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Illustration: Kat Menschik

Mit den besten Empfehlungen

02. Dezember 2022 · Was verschenken Sie zu Weihnachten? Die Feuilleton-Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ empfiehlt ihre Bücher, die Musik und die bewegten Bilder des Jahres.

Der Roman

Eleonore Büning
Eleonore Büning
Thomas von Steinaecker, David von Bassewitz: „Stockhausen – Der Mann, der vom Sirius kam“. Carlsen, 44 Euro.
Eine Graphic Novel, geschrieben aus der frühen Stockhausenfankurve heraus, ausgepinselt in klarem Pastell. „Licht“ kommt aber noch nicht vor in diesem ersten Band.
Julia Encke
Julia Encke
Artem Tschech: „Nullpunkt“. Arco, 20 Euro.
„Geh ins Zelt und schreib dein Buch. Das ist ein Befehl“, sagen ihm die Kameraden, 2015 im Krieg im Osten der Ukraine. Und Artem Tschech schreibt. Und wie. Für mich die literarische Entdeckung dieses Jahres.
Novina Göhlsdorf
Novina Göhlsdorf
Mariana Leky: „Kummer aller Art”. Dumont, 22 Euro.
Fast ein kleiner episodischer Roman. In Lekys Kolumnensammlung geht’s um unfreundliche Momente im Leben ihrer freundlichen Nachbarn, Bekannten, Verwandten. Heiter trotz hoher Sorgendichte und ein Psychowissen bester Art: warmherzig-präzis, tief und leicht, nie ohne Ironie.
Peter Körte
Peter Körte
Sally McGrane: „Die Hand von Odessa“. Voland & Quist, 24 Euro.
Man muss sich das so vorstellen, als hätte Isaak Babels Gangster Benja Krik Lewis Carrolls Alice getroffen, um neue Geschichten aus Odessa auszuhecken. Einfach toll.
Karen Krüger
Karen Krüger
Artem Tschech: „Nullpunkt“. Arco, 20 Euro.
Der ukrainische Schriftsteller meldete sich 2015 freiwillig als Soldat. Im Schützengraben schrieb er Skizzen über sein tägliches Erleben. Poetisch, klug, selbstironisch, manchmal urkomisch. Unbedingt lesen, auch wenn der Krieg jetzt anders ist.
Andreas Lesti
Andreas Lesti
Gion Mathias Cavelty: „Lucifer“. Lectorbooks, 22 Euro.
Der Irrsinn aus der Schweiz geht weiter und knüpft an das Meisterwerk „Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete“ an. Es ist wirklich absurd.
Barbara Liepert
Barbara Liepert
Jules Vernes: „Jangada. 8000 Meilen auf dem Amazonas“.
Die Andere Bibliothek, 22 Euro. Zum ersten Mal seit 1882 liegt dieser abenteuerliche Roman über eine Floßfahrt durch Brasilien wieder auf Deutsch vor, mit schönen Illustrationen.
Niklas Maak
Niklas Maak
Mohamed Mbougar Sarr: „Die geheimste Erinnerung der Menschen“. Hanser, 27 Euro.
Umwerfender Roman über das Schreiben auf den Spuren eines verschwundenen afrikanischen Schriftstellers, für den der 1990 geborene Sarr den Prix Goncourt bekam.
Ronya Othmann
Ronya Othmann
Yael Inokai: „Ein simpler Eingriff“. Hanser Berlin, 22 Euro.
Über die Abgründe der Medizin und die Liebe zweier Krankenschwestern. Erzählt in einer wunderbaren Sprache.
Anna Prizkau
Anna Prizkau
Artem Tschech: „Nullpunkt“. Arco Verlag, 20 Euro.
Wenn Krieg ist, müssen auch Kiewer Bohemiens an die Front – wie der Held dieses Kriegsromans, der kein Kriegsroman ist, sondern eine Liebeserklärung an jeden, der selbst in der Hölle auf ein Happy End hofft. „Die Reiterarmee“ von heute!
Cord Riechelmann
Cord Riechelmann
David Van Reybrouck: „Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt“. Suhrkamp, 34 Euro.
Bestimmt nicht schlechter als die Romane der Saison erzählt Reybrouck die (Kolonial-)Geschichte Indonesiens.
Tobias Rüther
Tobias Rüther
Jennifer Egan: „Candy Haus“. Fischer, 26 Euro.
Ein Science-Fiction-Familienroman über optimierte Existenzen und Erinnerungen. Wollen wir in so einer digital austherapierten Welt leben? Oder stecken wir längst drin?
Mark Siemons
Mark Siemons
Abdulrazak Gurnah: „Nachleben“. Penguin, 26 Euro.
Deutschland einmal anders: aus der Perspektive einiger Bewohner seiner Kolonie in Ostafrika, die seine Kultur ebenso wie seine Misshandlungen am eigenen Leib erfahren. Vielschichtiger Roman des tansanischen Nobelpreisträgers Gurnah.
Harald Staun
Harald Staun
McKenzie Wark, Kathy Acker: „Du hast es mir sehr angetan. E-Mails 1995/96“. Matthes & Seitz, 18 Euro.
Sie haben nichts gemeinsam außer ihre Differenz: Ein zauberhafter E-Mail-Flirt zwischen der queeren Punk-Literatin und dem Medientheoretiker, der seit 2018 als Transfrau lebt.
Elena Witzeck
Elena Witzeck
Fatma Aydemir: „Dschinns“. Hanser, 24 Euro.
Vater fällt nach dreißig Arbeitsjahren in Deutschland tot um, als gerade das neue, bessere Leben in Istanbul beginnen soll. Und der Rest der Familie muss irgendwie klarkommen mit ihren Geistern.



Nächstes Kapitel:

Der Bildband


Illustration: Kat Menschik

Der Bildband

Eleonore Büning
Eleonore Büning
„A casa di Hans“. Fotografien von Anton Giulio Onofri. Timia Edizioni, 25 Euro.
Die Villa La Leprara, in der Hans Werner Henze lebte und komponierte, hat der Bund nicht übernommen. Wenige Tage bevor sie verscherbelt wurde, entstanden diese traumhaften Bilder (über www.timiaedizioni.it).
Julia Encke
Julia Encke
Oliver Polak: „L’amour numérique – Und täglich grüßt die Liebesgier. Ein Episodenroman“. Suhrkamp, 15 Euro.
Ist natürlich kein Bildband, aber doch eine bildreiche Abfolge arrangierter Begegnungen mit nicht gerade immer gutem Ende, aber immer tollem Ton.
Novina Göhlsdorf
Novina Göhlsdorf
Ruslan Hrushchak: „The Road Beyond“, mit Ge­dich­ten von Iryna Tsilyk. Kominek, 50 Euro (10 Euro gehen an die Not- und Katastrophenhilfe in der Ukraine).
Hrushchak hat Menschen und Orte in der Ukraine fotografiert, von 2010 bis 2020, Tsilyk Gedichte dazu geschrieben. Eine berückende Reise durch ein Land, in dem kurz darauf alles anders wurde.
Peter Körte
Peter Körte
Pier Paolo Pasolini: „Tutto è santo. Il corpo poetico“. Arte contemporanea (Italienisch/Englisch), 28 Euro.
Der Katalog zur großen römischen Ausstellung zum 100. Geburtstag eines Regisseurs und Schriftstellers, wie ihn Italien gerade ganz dringend benötigte.
Karen Krüger
Karen Krüger
Florian Idenburg, LeeAnn Sue, Iwan Baan: „The Office of Good Intentions – Human(s) Work“. Taschen, 50 Euro.
Was man sich alles so ausgedacht hat, um für gute Stimmung beim Arbeiten zu sorgen: Eine Geschichte seit den Siebzigerjahren über die Architektur des Büros.
Andreas Lesti
Andreas Lesti
Max Marquardt: „Auf Asphalt. Passion Rennrad“. Callwey, 45 Euro.
„Das Rad fragt nicht. Es fordert.“ Die ganze Ästhetik und Härte dieses Sports, eingefangen in Fahrerporträts, Pässen und Rennen.
Barbara Liepert
Barbara Liepert
Angelika Taschen (Hrsg): „Great Escapes Latin America, The Hotelbook“. Taschen, 40 Euro.
Die aktualisierte Auflage hilft mit vielen neuen Hotels von Mexiko bis Chile, sich aus der Kälte und Putins Nähe wegzuträumen.
Niklas Maak
Niklas Maak
Philipp Deines: „Die 5 Leben der Hilma af Klint“. Hatje Cantz, 28 Euro.
Graphic Novels müssen nicht immer die gleichen Helden feiern: Diese erzählt zeichnerisch kongenial die Geschichte einer gerade wiederentdeckten Superheldin der Malerei.
Ronya Othmann
Ronya Othmann
Eva Maria Leuenberger: „Kyung“. Droschl, 20 Euro.
Kein klassischer Bildband, aber ein Band mit Fotos und Versen über die koreanisch-amerikanische Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha, die 1982 in New York von einem Serientäter ermordet wurde.
Anna Prizkau
Anna Prizkau
Michael Bielicky: „Perpetuum Mobile“. Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft, 54 Euro.
Hat Gott beim Erschaffen der Welt die Medienkunst vergessen? Wenn ja, dann musste der große Karlsruher Medienkünstler Michael Bielicky kommen, um den Rest der Arbeit zu erledigen.
Cord Riechelmann
Cord Riechelmann
Dorothea Schöne, Eckhart J. Gillen (Hrsg.): „Kunst nach der Shoah. Wolf Vostell im Dialog mit Boris Lurie“. Kunsthaus Dahlem, 20 Euro.
Der Shoah-Überlebende Lurie und Vostell waren sich einig, dass die Kunst „auf Erschrecken“ zielen sollte.
Tobias Rüther
Tobias Rüther
Theresa Carle-Sanders: „Das Castle Rock Kochbuch“. Südwest Verlag, 38 Euro.
Bilder aus Stephen Kings Heimat Maine und Rezepte aus seinem Werk („Killer-Maccaroni“!), die helfen könnten, die Amerikanerinnen und Amerikaner wieder an einen Tisch zu bringen.
Mark Siemons
Mark Siemons
Katja Petrowskaja: „Das Foto schaute mich an“. Suhrkamp, 25 Euro.
Eine Schule des Sehens. Und, da diese Texte zu Fotos nicht bloß Analysen, sondern kleine Geschichten sind, auch eine Schule der Empfindung.
Harald Staun
Harald Staun
Gunther Buskies, Jonas Engelmann (Hg.): „Monarchie und Alltag – ein Fehlfarben Songcomic“. Ventil Verlag, 25 Euro.
Das wohl noch immer beste deutsche Punkalbum als Malvorlage für Illustratoren von Frank Witzel bis Nicolas Mahler. Nur der Grauschleier geht zum Glück nie raus.
Elena Witzeck
Elena Witzeck
Neven Allgeier: „Fading Temples“. Distanz, 44 Euro.
Allgeier lebt in der wenig glamourösen Gegend von Frankfurt, in der auch ein Teil der F.A.Z. entsteht, ist eigentlich mehr Künstler als Fotograf und kennt sich aus mit Subkulturen. Fotografiert junge Leute und lässt sie in dem ihnen eigenen Licht strahlen.



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Für Kinder


Illustration: Kat Menschik

Für Kinder

Eleonore Büning
Eleonore Büning
Ute Kleeberg: „Und der Igel schwimmt doch!“ Gelesen von Robert Stadlober (Edition See-Igel, 14,99 Euro).
Bloß nie aufgeben! Das ist wichtig zu lernen für alle, ab 6 Jahren aufwärts. Eine Tierfabel mit Plädoyer und mit aufmunternder Kammermusik von Satie, Glinka, Hindemith, Korngold u. a.
Julia Encke
Julia Encke
Sam Thompson: „Der Junge, der mit den Wölfen spricht“. Thienemann, 15 Euro.
Mitreißendes Buch über die Macht der Sprache im Reich der Menschen und der Tiere, über Manipulation, Mobbing – und den Versuch, eine eigene Stimme zu finden (ab 10 Jahre).
Novina Göhlsdorf
Novina Göhlsdorf
Piotr Socha, Monika Utnik-Strugala: „Das Buch vom Dreck. Eine nicht ganz so feine Geschichte von Schmutz, Krankheit und Hygiene“. Gerstenberg, 30 Euro.
Wie fing das eigentlich an, mit römischen Bädern, Dixi-Klos und Body-Positivity? Bedächtig bebilderte Kulturgeschichte nicht nur für Kinder.
Peter Körte
Peter Körte
Michael Connelly: „Desert Star“. Little, Brown and Company, ca. 20 Euro.
Man schenkt dem erwachsenen Sohn den neuen Connelly, weil er sich den wünscht und weil unerbetene väterliche Leseempfehlungen noch nie geholfen haben.
Karen Krüger
Karen Krüger
Sonja Spaltenstein: „Alle im selben Boot“ SCM R. Brockhaus, 14,95 Euro.
Die Tiere auf der Arche haben die lange Reise langsam satt, Heimweh, und viel zu eng ist es auch. Ein neuer toller Blickwinkel auf die biblische Geschichte, wunderschön illustriert.
Andreas Lesti
Andreas Lesti
Rob Biddulph: „Peanut Jones und die Stadt der Bilder“. Dragonfly, 14 Euro.
Bisschen „Matrix“, bisschen „Momo“, bisschen „Indiana Jones“, bisschen Bildungsroman, spannend erzählt und kunstvoll illustriert.
Barbara Liepert
Barbara Liepert
Colleen Hoover: „Nur noch einmal und für immer“. Dtv, 20 Euro.
Zeitgenössische Romantik mit Abgründen, Folgeroman von „It ends with us“. Jede Teenagergeneration braucht leicht verdauliche Ablenkung vom Schulalltag. Auf Englisch verschenken: „It starts with us“.
Niklas Maak
Niklas Maak

Kickern hat viele Vorteile: Man muss nicht nach Qatar fliegen und kann das Geld für die Tickets in einen Tischkicker von Garlando (ab 369 Euro) oder in den legendären Stella Loisir mit den roten Beinen (ab 1000 Euro) stecken. Glückliche Kinder, auch nach der WM.
Ronya Othmann
Ronya Othmann
Safiye Can: „Poesie und Pandemie“. Wallstein, 18 Euro.
Für Jugendliche, aber nicht nur. Gedichte, die trösten, die Mut machen, ein Windlicht für dunkle Tage, eine warme Decke, wenn die Zeiten kalt und frostig sind.
Anna Prizkau
Anna Prizkau

„Dog – Das Glück hat vier Pfoten“ (Prime Video): Lulu, die belgische Schäferhündin, muss sterben. Zu alt, zu kriegstraumatisiert. Dass sie aber am Leben bleibt, hat sie einem Mann zu verdanken, der auch für die US-Army gekämpft hat. Ein Film, an den sich Kinder noch als Erwachsene erinnern werden.
Cord Riechelmann
Cord Riechelmann
Sonja Eismann/Naira Estevez: „Wo kommst Du denn her? Warum das die falsche Frage ist und was uns wirklich ausmacht“. Beltz & Gelberg, 15 Euro.
Wie man die schlechte Frage vermeidet und den Blick für anderes öffnet, ist hierin so freundlich erklärt, wie die Welt vielleicht mal werden wird.
Tobias Rüther
Tobias Rüther
„Die große Marie Marcks“. Zweibändige Werkausgabe, Kunstmann, 52 Euro.
Zum Großwerden, Mitmachen, Durchsetzen, Nachgeben. Die eigensinnige Kinderseele dieser Pionierin und Karikaturistin kann man gar nicht früh genug kennenlernen.
Mark Siemons
Mark Siemons
Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw: „Als der Krieg nach Rondo kam“. Gerstenberg, 16 Euro.
„Die Bewohner von Rondo waren einfallsreich und zart“: So ist auch dieses Bilderbuch aus der Ukraine über den Einbruch des Krieges, in dem alle Dunkelheit am Ende vertrieben wird. (Ab 5 Jahre)
Harald Staun
Harald Staun

„Apollo 10 1⁄2: A Space Age Childhood“ (Netflix). Die Mondlandung als Wille und Vorstellung eines zehnjährigen Jungen aus den Suburbs von Houston. Richard Linklaters Liebeserklärung an sein Coming of Age im Space Age.
Elena Witzeck
Elena Witzeck
Gunilla Bergström: „Willi Wiberg. Der große Sammelband“. Oetinger, 20 Euro.
Kind mit Melonenkopf, kaum Haar und fusselig-braunem Pullover denkt über Kriege, Fehler und Fairness nach. Weil Willi 50 Jahre alt wurde, erschien dieser herrliche Sammelband.

Nächstes Kapitel:

Das Sachbuch



Illustration: Kat Menschik

Das Sachbuch

Eleonore Büning
Eleonore Büning
Steve Reich: „Conversations“. Hanover Square Press, 28,85 Euro.
Reich spricht über die Musik von Reich, mit alten Freunden. Über Langsamkeit mit Brian Eno, über Sardinenbüchsen mit Richard Serra, über Politik mit Anne Teresa De Keersmaeker. Ein Lebensrückblick. Es wird auch viel gelacht.
Julia Encke
Julia Encke
Chelsea Manning: „Readme.txt. Meine Geschichte“.
Harper Collins, 22 Euro. Wie und warum entschied die Whistleblowerin, geheime Militärdokumente an WikiLeaks zu schicken, und welche Folgen hatte dies für sie? Die Autobiographie.
Novina Göhlsdorf
Novina Göhlsdorf
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“. Suhrkamp, 28 Euro.
Das Buch zur Gegenwart von frei gedrehten Freiheitskämpfen mit autoritärem Charakter – und dazu, wieso Querdenker, Verschwörungserzähler und Rechtsgerückte sich ganz gut vertragen.
Peter Körte
Peter Körte
Christoph Biermann: „Um jeden Preis. Die wahre Geschichte des modernen Fußballs von 1992 bis heute“. Kiepenheuer & Witsch, 18 Euro.
Statt WM-Boykott lieber Intensivlektüre: Biermann erklärt auch, warum Qatar kein Unfall ist, sondern in der Logik des Turbokapitalismus unausweichlich war.
Karen Krüger
Karen Krüger
Gaetano Biccari (Hg.): „Pier Paolo Pasolini in persona: Gespräche und Selbstzeugnisse“. Wagenbach, 22 Euro.
So wortmächtig, klug und polemisch hat nur Pasolini Italien in Interviews aufgemischt. Unterhaltsamer, großer Lesegenuss.
Andreas Lesti
Andreas Lesti
Jan Zappner: „Mischpoche. Being Jewish, however“. Zu bestellen bei amcha.de, gegen 6 Euro Versand und eine Spende.
29 Porträtfotos und 29 Geschichten über Juden, die in Deutschland leben – und wie sich das im 21. Jahrhundert anfühlt.
Barbara Liepert
Barbara Liepert
Marie-Luise Knott: „370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Ellison“. Matthes & Seitz, 22 Euro.
Erhellender Essay über Hannah Arendt, ihre Fehleinschätzung im Kampf gegen Rassismus und ihr Schlagabtausch mit dem afroamerikanischen Autor Ralph Ellison.
Niklas Maak
Niklas Maak
Andreas Beyer: „Künstler, Leib und Eigensinn“. Wagenbach, 36 Euro.
Was hat der Körper des Künstlers mit seiner Kunst zu tun? Sehr viel, beweist Beyer. Selten ist ein Buch gleichzeitig extrem unterhaltsam und intellektuell bahnbrechend. Dieses ist beides.
Ronya Othmann
Ronya Othmann
Natan Sznaider: „Fluchtpunkte der Erinnerung“. Hanser, 24 Euro.
Über Erinnerungskultur, das Verhältnis von Kolonialverbrechen und Holocaust, den Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus. Differenziert, klug und bündig.
Anna Prizkau
Anna Prizkau
Carolin Würfel: „Drei Frauen träumten vom Sozialismus“. Hanser Berlin, 23 Euro.
Ein großes, intimes, literarisches Porträt der DDR- Schriftstellerinnen Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf. Ein Buch, das klüger macht und mutiger.
Cord Riechelmann
Cord Riechelmann
Sudhir Hazareesingh: „Black Spartacus. Das große Leben des Toussaint Louverture“. C. H. Beck, 34,95 Euro.
Die Geschichte vom schwarzen Spartakus, der in Haiti vom einfachen Soldaten zum französischen General wurde und die kolonialistische Herrenschicht entmachtete.
Tobias Rüther
Tobias Rüther
Tanja Maljartschuk: „Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus“. Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro.
Essays der großen ukrainischen Autorin: über ihr Land, ihr Leben, ihre Familie. Leise, unnachgiebig, mitreißend, unüberhörbar in diesen Kriegstagen.
Mark Siemons
Mark Siemons
Orlando Figes: „Eine Geschichte Russlands“. Klett-Cotta, 28 Euro.
Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft“ (Orwell): Ein großartig erzähltes Buch über die vielen Geschichten, aus denen sich die russische Identität im Lauf ihrer Geschichte zusammensetzte.
Harald Staun
Harald Staun
George Monbiot: „Neuland. Wie wir die Welt ernähren können, ohne den Planeten zu zerstören“. Blessing, 24 Euro.
Ein Buch gegen alle Dogmen der Klimadebatte, das zeigt, dass man die Welt nicht durch Verzicht retten kann.
Elena Witzeck
Elena Witzeck
Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“. Suhrkamp, 28 Euro.
Große Analyse der neuen Protestbewegungen und Sphären verletzter Selbstbehauptung. Unaufgeregt und feinsinnig.

Nächstes Kapitel:

Musik


lllustration: Kat Menschik

Musik

Reinhard Goebel: „ Musica Antiqua Köln. Complete Recordings On Archiv Production“ (75 CDs, Deutsche Grammophon).
1975 schrieb Heinz Josef Herbort vierzehn dürre Zeilen über die erste Platte dieser Band. Fazit: „Ohne jeden Hauch von langweilender Profiroutine.“ So ging das los. Passt immer noch.
Julia Encke
Julia Encke
Phoenix: „Alpha Zulu“ (Glassnote).
Sie klingen neuerdings elektronischer – und wie sie diese Woche in der Berliner Columbiahalle spielten und Thomas Mars auf dem Cembalo stand, war einfach wieder phantastisch. Eine Band, der man treu bleiben muss.
Novina Göhlsdorf
Novina Göhlsdorf
Labrinth: „Kill For Your Love“ (Single, Sony/Columbia).
Fest der Liebe.
Peter Körte
Peter Körte
Beyoncé: „Renaissance“ (Sony/Columbia).
Klar, die Wahl ist total einfallslos, und es ist viel an ihrem Album herumgemeckert worden – aber was soll man machen, wenn es einem nun mal gefällt?
Karen Krüger
Karen Krüger
Edouard Louis: „Anleitung ein anderer zu werden“ (Audio Verlag).
Als Hörbuch, gelesen von Patrick Güldenberg, ist die Aufstiegsgeschichte aus einem nordfranzösischen Dorf ins Paris der Intellektuellen noch eindringlicher als auf Papier.
Andreas Lesti
Andreas Lesti
INGA: „Took the Wrong Way Home“ (Trikont).
Die zweite Platte der Künstlerin aus Bayern – schwebender, angenehm verzögerter und irgendwie vorweihnachtlich durchdrungener deutsch-französisch-englischer Elektropop.
Barbara Liepert
Barbara Liepert
Maja Nielsen: „Die Reise ins verborgene Reich der Schmetterlinge“. (WDR Mediathek).
Mutter und Tochter reisen 1699 allein nach Suriname. Ein Hörspiel für Kinder, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Maja Nielsen und Sophie Schmid (Illustration).
Niklas Maak
Niklas Maak
Santigold: „Spirituals“ (Little Jerk Records/Cargo).
Santigolds Alben gehören zu den besten der neueren Pop-Geschichte. Als dieses rauskam, dachte man beim Hören einiger Songs: Donnerwetter, toll, aber doch sehr viel Chöre; für Weihnachten ist das natürlich perfekt.
Ronya Othmann
Ronya Othmann
Liraz Charhi: „Roya“ (Glitterbeat/Indigo).
Persisch-israelischer Pop, heimlich aufgenommen mit Musikern aus Iran.
Anna Prizkau
Anna Prizkau
Irena Karpa, Grigory Semenchuk, Lyuba Yakimchuk und Yuriy Gurzhy: „Ukrainian Songs Of Love And Hate“ (Spotify)
Was passiert, wenn Dichter, die im Krieg leben müssen, Musik machen? Ein Album, auf dem jeder Ton wie ein lauter Schmerzensschrei klingt, zärtlich und wütend, elegant und lyrisch.
Cord Riechelmann
Cord Riechelmann
Jarvis Cocker: „Good Pop, Bad Pop: Die Dinge meines Lebens“. Kiepenheuer & Witsch, 28 Euro.
Ist zwar ein Buch, enthält aber so viel Liebe zu den Dingen des Lebens, dass man das ganze Werk des Singer-Songwriters und seiner Band Pulp sofort noch mal hören mag.
Tobias Rüther
Tobias Rüther
Phoenix: „Alpha Zulu“ (Glassnote).
Die französischste Popband aller Zeiten ist zurück, ein bisschen älter, aber immer noch so bittersüß und smart wie damals, als sie too young waren.
Mark Siemons
Mark Siemons
Neil Young & Crazy Horse: „World Record“ (Reprise).
Ein fast schon aufreizend analoges, beiläufiges, kratzbürstiges Album über den sterbenden Planeten, aber natürlich auch über Neil Young selbst und das Vergehen der Zeit.
Harald Staun
Harald Staun
Bodega: „Broken Equipment“ (What’s Your Rupture?).
Schlauer, böser, cooler Party-Art-Punk aus Brooklyn, wo einen das Leben „bitter, harder, fatter, stressed out“ macht. New-York-Hymnen, nicht nur für „the doers / the movers, shakers / health food reviewers“.
Elena Witzeck
Elena Witzeck
Meute: „Taumel“ (2 CDs, Tumult).
Gerade erst erschienen, das bisher wildeste Album der Marchingband, die seit Ende der Kontaktverbote wieder Säle und Plätze bespielt. Wer inmitten von schwitzenden Fans noch so tight trompeten und trommeln kann, geht nicht mehr weg.

Nächstes Kapitel:

Bewegte Bilder


Illustration: Kat Menschik

Bewegte Bilder

„Ohren auf! 100 Jahre Donaueschinger Musiktage“. Ein Film von Bettina Ehrhardt (ARD-Mediathek, bis 5. Oktober 2023).
Dieser Schatz aus Archivbildern und verrückten Dokus, in dem es nur so funkelt, blitzt und kracht, macht einfach nur gute Laune. Und natürlich Lust auf Neues.
Julia Encke
Julia Encke
Kinokarten für „She said“, den Hollywood-Film von Maria Schrader.
Nach dem Buch von Jodi Kantor und Megan Twohey, deren Enthüllungsartikel 2017 Harvey Weinstein zu Fall und die #MeToo-Bewegung ins Rollen brachte. Bin sehr gespannt.
Novina Göhlsdorf
Novina Göhlsdorf
Ruben Östlund: „Triangle of Sadness” (unbedingt im Kino anschauen!).
Das große Fressen und wie es laufen kann, wenn hochkommt, was man mit aller Kraft unterdrückt hat. Bissig-bittere Satire auf reale Verhältnisse.
Peter Körte
Peter Körte
Jerzy Skolimowski: „EO“.
Ein Kinogutschein für diesen Film, der ab dem 22. Dezember zu sehen sein wird und zeigt, wie die Welt durch die Augen eines Esels aussieht – was man seit Robert Bressons „Zum Beispiel Balthazar“ (1966) dringend mal wieder erleben muss.
Karen Krüger
Karen Krüger
Mario Martone: „Nostalgia“.
Ein großartiger Pierfrancesco Favino wandert durch Neapel und erinnert sich an seine Jugend. Er meint, die Stadt habe sich seitdem nicht verändert. Er irrt gewaltig. Als DVD oder einen Kinogutschein für diesen Film. Er läuft im Frühling in Deutschland an.
Andreas Lesti
Andreas Lesti
„Geschichten der Jedi“ (Disney +).
Animierte Miniserie mit 15-Minuten-Episoden, die sich wie feine Fugenmasse zwischen die Filme und Serien legt und das Lucas-Universum zusammenhält.
Barbara Liepert
Barbara Liepert
Euros Lyn: „Heartstopper“ (Netflix).
Herzerwärmende Coming-of-Age-Geschichte aus England, zu der auch Oscarpreisträgerin Olivia Colman nicht Nein sagen konnte. Adaption der gleichnamigen Graphic Novel.
Niklas Maak
Niklas Maak
Spannender, als jede Fernsehserie es sein könnte: Der Roman „Die rätselhaften Honjin-Morde“ von Seishi Yokomizo (1902–1981).
Japans großem Krimi-Autor, endlich auf Deutsch erschienen im Aufbau Verlag, aber bedauerlicherweise nur viel zu kurze 206 Seiten lang.
Ronya Othmann
Ronya Othmann
Maryam Zaree: „Born in Evin“ (ZDF Mediathek).
Die Schauspielerin und Regisseurin Maryam Zaree macht sich auf die Suche nach den Umständen ihrer Geburt im Foltergefängnis Evin 1983 in Teheran. Ein zarter, brutaler und ebenso wichtiger Film.
Anna Prizkau
Anna Prizkau
Michael Engler, Salli Richardson: „The Gilded Age“ (Sky).
Diese Serie ist wie „Sex in The City“, aber vor 150 Jahren und ohne einen einzigen Orgasmus. Dafür mit sehr vielen teuren Kleidern, sehr viel Liebe und Geschichten, die so nur in der tollsten Stadt der Welt spielen können – New York! Wer braucht da noch Sex?
Cord Riechelmann
Cord Riechelmann
Peter Weibel (Hrsg.): „Joseph Beuys Aktionen 1963–1986“ (Buch und 8 DVDs, Verlag der Buchhandlung Walther König).
Der den Kunstbegriff so groß machen wollte, dass er jede menschliche Tätigkeit umfassen kann, hat es in seinen Aktionen versucht.
Tobias Rüther
Tobias Rüther
„Only Murders in the Building“ (Disney+).
Perfekt für die Zeit, wenn es früh dunkel wird. Selena Gomez, Martin Short und Steve Martin als podcastisierendes Privatdetektivtrio. Und New York als New York.
Mark Siemons
Mark Siemons
Werner Herzog: „80th Anniversary Edition“ (Arthaus/Studiocanal).
Ein abenteuerliches Leben in Filmen, von „Aguirre“ über „Fitzcarraldo“ bis zur „Königin der Wüste“, dazu noch Bonusmaterial mit Interviews und Kurzfilmen.
Harald Staun
Harald Staun
Ben Stiller, Aoife McArdle: „Severance“ (Apple TV+).
Phantastisch schräge Parabel über Work und Life und die Frage, ob man das eine überhaupt vom anderen trennen kann. Atmosphärisch beklemmend, schauspielerisch genial besetzt (u. a. mit Adam Scott, Britt Lower, Patricia Arquette und John Turturro).
Elena Witzeck
Elena Witzeck
„Succession“ (Amazon Prime).
Boshafte Serie über eine extrem reiche Familie, die ein amerikanisches Medienimperium besitzt und deren Mitglieder sich in Antipathie überbieten. Muss man sehen, wenn man gerade genug von konstruktiven Familienpsychogrammen wie in „This is Us“ hat.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 02.12.2022 13:24 Uhr