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Wege des Geldes : Dispokratie

Die zweite Rechnung geht anders: Wenn auf all den brachliegenden und freien Gewerbeflächen in der Stadt neue Firmen entstehen würden, wäre das halbe Haushaltsloch geschlossen. Gleichzeitig entstünden Arbeitsplätze, und die Stadt müsste weniger Sozialleistungen zahlen. Doch dafür müssten Firmen nach Offenbach ziehen. Oder noch besser: Die Firmen müssten zu dem niedrigen Zins Kredite aufnehmen und in Offenbach investieren, müssten neue Fabriken bauen oder Arbeitsplätze finanzieren, um einen neuen Geschäftszweig aufzubauen. Aber auf dem zweiten Zettel rechnet Schneider nicht wirklich. „Mir fehlt der Glaube daran, dass das realistisch ist.“

Auf seiner kleinen Stadttour kommt Horst Schneider an einer dieser Brachen vorbei. Einen ganzen Straßenblock lang steht da eine beige geflieste Fabrik, die Wände sind mit Graffiti bemalt, das Glas in Türen splittert. Einst haben hinter diesen Türen die Angestellten von Manroland Druckmaschinen gebaut. Heute steht das Gelände leer, Manroland ist erst ausgezogen und hat später Insolvenz angemeldet. Der Oberbürgermeister erzählt stolz, dass er fünf Vorlagen durch die politischen Gremien gebracht hat, damit in der ehemaligen Fabrik 168 Wohnungen entstehen. Ein Supermarkt zieht auch ein. „Da wird dann nichts mehr hergestellt“, sagt Schneider, „nur noch verkauft.“

Im Offenbacher Westen gibt es noch brach liegende Grundstücke und viel Leerstand

Hunderte von Milliarden Euro hat die EZB in der Finanzkrise an Liquidität bereitgestellt. Damit Banken überleben und der Euro hält. Das hat bis heute funktioniert. Aber die EZB hat die Liquidität auch gegeben, damit die Banken dann Unternehmen Geld leihen. Damit die Unternehmen dann Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen. Doch das passiert nicht.

In Frankfurt sitzt EZB-Direktor Benoît Coeuré, der für die Kredite an die Banken zuständig ist, im roten Konferenzraum und erzählt, wie er die Lage sieht.

Während der Wirtschaftskrise hätten die Banken die Liquidität von der EZB nicht weitergegeben. Die frisch geliehenen Euros hätten sie gehortet, um sicherzustellen, dass sie selbst jederzeit flüssig waren. Damals verliehen die Banken das Geld nicht weiter, da konnte die EZB ihnen noch so viele Milliarden gutschreiben. Inzwischen geht es manchen Banken besser. Einige fangen an, ihre Milliarden zurückzuzahlen. Die Banken könnten inzwischen schon wieder viele Kredite vergeben, auch wenn einige noch hohe Sicherheiten verlangten.

Aber Coeuré findet auch: „Es wird nur in der Finanzwelt besser.“ Immobilienboom hin oder her - „das größte Problem ist die Kreditnachfrage“.

Das bedeutet, es gibt gar nicht so viele Firmen, die wirklich für Fabriken oder Maschinen Geld leihen wollen. Kaum einer nimmt das Geld in die Hand und gründet eine Firma oder startet wenigstens einen neuen Geschäftszweig. Dazu bräuchten die Deutschen mehr Optimismus für die Wirtschaft und den Glauben daran, dass aus ihrem Wagnis etwas werden kann. Ein paar zündende Geschäftsideen oder ein bisschen mehr Mut. Stattdessen bleibt das Geld im Finanzsystem. Aktienkurse steigen, Gold ist teuer. Wenn das Geld mal einer rausholt, dann geht es in Immobilien - und treibt deren Preise derart in die Höhe, dass viele Leute schon wieder Angst vor einer neuen Blase bekommen.

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