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Wege des Geldes : Dispokratie

Was Arnold erzählt, ist kein Maklerlatein. In den vergangenen vier Jahren ist die Nachfrage so gestiegen, dass Offenbachs Wohnungsverkäufer heute dreizehn Prozent mehr verlangen, hat das Marktforschungsinstitut Empirica ausgerechnet. Wenn Sven Arnold erzählt, dass sich die Leute nach einem Haus in Offenbach sehnen, übertreibt er nicht. Und finanzieren können sie es nun über die günstigen Kredite, die ihnen die Banken geben.

Tatsächlich ist es heute nicht schwer, einen Kredit zu bekommen. Die Banken haben viel Geld, sie bekommen viel von der EZB, sie verleihen es billig und in großen Mengen. Auch wenn die Banken es offiziell nicht gern zugeben: Teils vergeben sie so hohe Kredite, dass die Hauskäufer sich den kompletten Kaufpreis leihen können. Nur die Notarkosten und die Steuern müssen sie noch aus eigenem Geld bezahlen. Die Commerzbank wirbt mit dem Satz „Nennen Sie uns Ihren Wunschzins für Ihre Immobilie“ - und kleiner im Prospekt: „Wir sagen Ihnen, was sich machen lässt.“ Aber nicht jede Bank passe auf, ob sich die Leute übernehmen, sagt Arnold. Manche Bank vergebe fast jeden Kredit.

Mit jedem Kredit steigt die Nachfrage

So kommt es, dass manchmal die Interessenten im Remax-Büro stehen, mit dem Taschenrechner die Raten überschlagen und dann beschließen, dass sie einen Kredit bedienen können, wenn sich die Frau einen Nebenjob sucht. „Manchmal gibt es Interessenten, die auf Teufel komm raus kaufen wollen, weil der Zins so niedrig ist. Die weise ich darauf hin, dass der Zins auch mal steigen kann“, sagt Arnold. Inzwischen sei es seine Aufgabe, die Leute auch mal vom Kaufen abzuhalten, sagt er. Seinem Geschäft schadet das nicht.

Zurzeit gibt es immer mehr Leute wie jenen Kunden, für den Arnold gerade wieder Wohnungen sucht. Und nicht nur eine. Dieser Kunde hat gemerkt, dass er kaum eigenes Geld braucht, um Wohnungen zu kaufen. Also hat er sich Geld geliehen und in einem Jahr acht Wohnungen gekauft, die er jetzt alle vermietet. Kürzlich hat die Bank gesagt: Sie würde ihm noch 200.000 Euro mehr leihen. Also will der Kunde noch mehr kaufen.

So kommt das Geld in die Welt: Mit jedem Kredit entsteht Geld, und mit jedem Kredit steigt die Nachfrage nach Immobilien, also wachsen die Preise. Die Verkäufer bekommen immer mehr, und wenn sie damit nicht ihren Kredit abzahlen, dann stecken sie es oft wiederum in ein größeres Haus oder in eine Ferienwohnung, erzählen Banker. So treiben die Leute die Immobilienpreise weiter in die Höhe.

Das Offenbacher Rathaus versprüht noch den diskreten Charme eines Schulgebäudes. Davor die Skulptur „Flamme“ von Bernd Rosenheim

In Offenbachs altem Hafen leuchten die Augen des Oberbürgermeisters Horst Schneider, dabei ist der Hafen noch eine einzige Baustelle. Rohbauten von drei Wohnblöcken stehen schon. An klareren Tagen sieht man am Horizont das neue EZB-Hochhaus in den Himmel wachsen. Eine Frankfurter Baugesellschaft bedankt sich artig für die Bauplätze, auf die sie ihre Häuser stellt, und schreibt auf ein Plakat: „Wer sagt, dass Offenbach und Frankfurt nicht miteinander können?“

Das ist Horst Schneiders Projekt: Seit 2004, als er Bürgermeister und Planungsdezernent wurde, treibt er die Bebauung der Maininsel voran - und die von ganz Offenbach. Einst war die Stadt voller Industriebetriebe. Leder, Chemieprodukte, Druckmaschinen und vieles mehr wurden dort produziert. Heute sind viele Betriebe weggezogen oder pleite, ihre Gelände liegen brach. Jetzt soll dort wieder Leben aufkommen. „Planen und Bauen ist meine Leidenschaft“, sagt der Bürgermeister. Ihm hilft der Immobilienboom, seine Vision zu verwirklichen. „Die Bebauung der Maininsel ist ein Jahr vor dem Zeitplan“, erzählt er, „so groß ist die Nachfrage nach den Wohnungen.“

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