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Wege des Geldes : Dispokratie

Erst mal ist es „Liquidität“

Doch das ist alles nicht mehr nötig. Der eine oder andere Direktor schaut zwar direkt im roten Konferenzraum vorbei, doch viel zu entscheiden gibt es nicht mehr. Heute steht die Entscheidung von vornherein fest. „Vollzuteilungspolitik“ heißt das im EZB-Deutsch. Guido Della Valle übersetzt: „Es ist schon vorbestimmt, dass alle Gebote erfüllt werden.“ Der Zins ist niedrig, und die Banken bekommen so viel geliehen, wie sie haben wollen. Das macht die Notenbank seit der Finanzkrise. Keine Bank soll pleitegehen, weil sie zu wenig Kredit bekommt. Jede soll trotz der Krise weiter Geld verleihen können, damit Unternehmen Kredit bekommen. Denn dann können sie investieren und Arbeitsplätze halten oder neue schaffen.

Hatten die Notenbanken den Banken im Januar 2007 noch rund 400 Milliarden Euro geliehen, waren es im Januar 2013 schon rund 1100 Milliarden Euro. „Liquidität“ nennt das Guido Della Valle. Denn Geld ist es für ihn im volkswirtschaftlichen Sinne erst, wenn es Einfluss auf Einkommen, Arbeit oder Preise hat. Geld ist es erst, wenn die Banken die Euros weiterverliehen haben an Privatleute, die davon zum Beispiel Häuser kaufen. Und - vor allem an Firmen, die davon Büros oder Fabriken ausstatten oder die Entwicklung neuer Produkte finanzieren. Aber wo taucht das Geld auf?

Das „Haus der Wirtschaft“ an der Berliner Straße, der Hauptdurchgangsstraße Offenbachs

Sven Arnold ist Immobilienmakler. Die Haare zur Igelfrisur nach oben gegelt, fährt der 30-Jährige durch Offenbach. Er kennt sich aus auf dem Markt: Er arbeitet in einem Büro der Maklervereinigung Remax, vorher hat er mit seiner Familie privat Häuser gekauft, saniert und wieder verkauft. Er hat gerade viel zu tun.

Arnold arbeitet nur fünf Kilometer mainaufwärts von der EZB entfernt. Offenbach. Ausgerechnet. Eine Metropole ist die Stadt südöstlich von Frankfurt nicht gerade, sie hat 120.000 Einwohner und profitiert schon lange nicht mehr richtig vom Reichtum ihres berühmten Nachbarn. Den Frankfurtern gilt Offenbach als hässlicher Hinterhof ihrer mondänen Hochhäuser und Museen. Die Offenbacher S-Bahn fährt Piercings, Ponchos und Plastiktüten durch die Stadt. Und jetzt kommt noch Fluglärm dazu. Zur neuen Landebahn in Frankfurt drehen die Flugzeuge über Offenbach ein - so tief, dass sich selbst die Räder am Fahrwerk deutlich abzeichnen.

Die Offenbacher sehen ihre Stadt deutlich besser. Sie loben ihren schönen Wochenmarkt, das neue Stadion, den Beach Club am Main. In den vergangenen Jahren haben sie ein wichtiges Argument dazugewonnen: Die Immobilienpreise steigen. In Frankfurt sind die Häuser inzwischen so teuer, dass immer mehr Leute aus der Mittelschicht nach Offenbach ausweichen. „Viele Leute werden aus Frankfurt rausgedrängt“, sagt Arnold. Jetzt drängen sie sich in Offenbach.

Eine Wohnung verkauft in einer Woche

Im BMW fährt Arnold eine Tour durch die Stadt. Vor einem gelben Haus bleibt er stehen. Vor zwei Monaten hat er dort eine Wohnung verkauft. „Wir hatten zwanzig Anfragen in drei Tagen, am ersten Wochenende fünfzehn Besichtigungen.“ Die Interessenten hat er im 20-Minuten-Takt durchs Haus geschleust. Trotzdem rief schon am Montag der Bankberater eines Interessenten an, am Mittwoch wurde der Kaufvertrag unterschrieben - „alles zusammen hat keine Woche gedauert“.

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