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Weblogs : Immer schön sachlich bleiben

Internet-Foren: Schnell mal meinen, denken, toben, lästern Bild:

Oft werden in Internetforen und -diskussionen die Grenzen von Fairness und Respekt missachtet. Wer das beklagt, erntet meist heftige Proteste der selbst ernannten Internet-Elite. Ein „Aufstand des Publikums“ ist das aber noch nicht.

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          In der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) erschien vor einigen Tagen ein Beitrag über das sogenannte „partizipative Web“. Darin wurde das Niveau vieler Internetkommentare und -diskussionen beklagt. Neigungen, die auch im Journalismus verbreitet sind, so der Artikel von Bernd Graff, toben sich mit der Lizenz „Web 2.0“, also Laienjournalismus, hemmungslos aus: Pöbelei, Entrüstung, Denunziation, Häme. Ein rumorendes Plebiszit, halb anonym, von jeder Rechenschaft entlastet, bei keiner Sache dauerhaft verweilend, mache sich – zum Teil eingeladen von den Medien selber, die um der „Klickzahlen“ willen zum Kommentieren ihrer Beiträge aufrufen – hier Luft.

          Einen Tag zuvor hatte die SZ mitgeteilt, die Möglichkeit zu Reaktionen auf ihre Artikel im Internet ein wenig einzuschränken. Man habe insbesondere bei nachts oder an Wochenenden eingehenden Leserkommentaren die Erfahrung zunehmender Verstöße gegen Mindestgebote an Respekt und Fairness gemacht. Daher werde man die Möglichkeit, nach 19 Uhr abends und vor 8 Uhr morgens zu kommentieren, ausschließen. Vielleicht war das schon eine Reaktion auf ein Urteil des Hamburger Landgerichts vom 4. Dezember, das von dem Journalisten Stefan Niggemeier als Betreiber eines „Blogs“ verlangte, Leserkommentare vor Veröffentlichung im Netz auf ihre Rechtmäßigkeit zu prüfen.

          Gereizte Reaktionen der Internet-Elite

          Beiden Artikeln der SZ antwortete, wiederum in den Kommentarfeldern des Internet, eine stattliche Anzahl von heftigen Protesten. Man sieht durch Kontrolle die Meinungsfreiheit gefährdet und den Sinn des Mediums Internet in Frage gestellt. Und man wirft dem Journalisten Graff Publikumsbeschimpfung vor. Man – das heißt hier allerdings noch immer: ein paar Dutzend Leute, die im Verhältnis zu den Millionen von Nutzern einzelner Websites von Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten noch nicht als neue Öffentlichkeit ins Gewicht fallen. Die präpotente Rede davon, „das Internet“ wehre sich gegen die älteren Medien, ist jedenfalls auch dann stark übertrieben, wenn man von der Minderheit derjenigen Kommentare auf den SZ-Internetseiten absieht, die eine stärkere Qualitätskontrolle bei elektronischen Leserbriefen begrüßt.

          Bemerkenswert sind die gereizten Reaktionen derjenigen, die sich offenbar als Internet-Elite und Mandatsträger der Zukunft verstehen, dennoch. Vor allem, weil man sie als Fortsetzung einer mediengeschichtlich vertrauten Gleichsetzung verstehen kann. Noch jede neue Technik der Verbreitung von Information und Meinung wurde als Durchbruch zur vollkommenen Demokratie gefeiert. Das Ideal des herrschaftsfreien, und das heißt dann hier: des von Gegenlektüre und redaktionellem Eingriff befreiten Diskurses ist, dass jeder zu allem jederzeit, auch an den Wochenenden, alles sagen darf – und dass es publiziert wird.

          Der Anti-Journalismus ist auf dem Weg

          Dabei tritt die Zusammensetzung des normativ hochbesetzten Begriffs „öffentliche Meinung“ in den Hintergrund. In ihn sind, wie der Soziologe Rudolf Stichweh einmal notiert hat, zwei spannungsvolle Worte eingegangen. Denn Öffentlichkeit bezeichnete seit je – etwa in Begriffen wie „res publica“ oder „öffentliches Recht“ oder „öffentlicher Dienst“ – etwa Universalistisches, Stabiles, alle Angehendes. Die Meinung hingegen trägt ihren privaten, kurzlebigen Charakter schon im Namen. Das Konzept der öffentlichen Meinung kombiniert beides: etwas Subjektives von allgemeinem Belang, etwas, das nicht ignoriert werden kann, aber auch nicht zu bestimmtem Handeln zwingt.

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