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Wolfgang Pehnt : Der Sendungsbewusste

Wolfgang Pehnt Bild: Ullstein

Ein Skeptiker, der sich immer wieder in Debatten einmischt, keine Polemik scheut und dennoch nicht zum Zyniker geworden ist: zum neunzigsten Geburtstag des großen Architekturkritikers Wolfgang Pehnt.

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          Dieser Mann ist ein bekennender Skeptiker. Er glaube nicht an „die Fähigkeit des Homo sapiens sapiens, sich die Welt, in der er lebt, auf Dauer klüger, lebenswerter und haushälterischer einzurichten“. So hat es Wolfgang Pehnt im Vorwort zu seinem großen Werk „Deutsche Architektur seit 1900“ bekannt, das 2005 erschien. In den darauffolgenden sechzehn Jahren ist wenig geschehen, das den Architekturhistoriker und -kritiker eines Besseren hätte belehren können; dass in dieser Zeit der Wille zur Utopie unter Architekten gerade hierzulande wieder gewaltig gewachsen ist, wird ihn kaum anfechten. Dafür hat er in seinen neun Lebensjahrzehnten zu viele große Planungen scheitern gesehen.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Die Skepsis hat Pehnt zum Ironiker, nicht aber zum Zyniker werden lassen. Er hat sich immer wieder in Debatten zu Architektur, Städtebau und Denkmalschutz eingemischt, zuletzt etwa in den Streit um die Frage, ob das Innere der Frankfurter Paulskirche historisierend umzugestalten sei, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, sekundiert vom Politologen Herfried Münkler, befürwortet. Niemand durfte sich so berufen fühlen wie Pehnt, die Geschichtsvergessenheit dieses Ansatzes zu entlarven, ist er doch der wohl beste Kenner des Werks von Rudolf Schwarz, nach dessen Entwurf die kriegszerstörte Paulskirche in ihrer heutigen schlichten und erhabenen Gestalt wieder aufgebaut wurde, der nur Fühllose eine Aura absprechen können. Auch in diesem Fall geriet Pehnts Intervention deutlich. Im berechtigten Bewusstsein vom Gewicht seiner Worte hat er immer wieder auf Wirkung gezielt und auch das Polemische nicht gescheut. Die Linie, jenseits derer Engagement zu Aktivismus wird, überschreitet er jedoch nie.

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          Außer Schwarz hat Pehnt auch Hans Poelzig, Gottfried Böhm und Karljosef Schattner große Monographien gewidmet. In dieser Auswahl zeichnet sich Pehnts eigenes Ideal ab: Er bevorzugt Architekten, die sich zur Moderne bekennen, aber die Gefahr, im Korsett des Funktionalismus zu erstarren, auf sehr unterschiedliche Weise durch Traditionsbewusstsein und Eigensinn zu bannen wussten. Es ist wohl kein Zufall, dass mit Schwarz, Böhm und Schattner gleich drei Favoriten Pehnts eng mit der katholischen Kirche verbunden waren. Der Kritiker schätzt gebildete und sprachmächtige Baumeister wie seinen Kölner Landsmann Oswald Mathias Ungers. In dessen Frankfurter Architekturmuseum wurde ihm im Jahr 2011 als erstem Kritiker überhaupt die Ehre einer eigenen Ausstellung zuteil. Sie trug den Titel „Die Regel und die Ausnahme“. Da war es wieder, das Thema von der Spannung zwischen „Originalität als Signum schöpferischer Leistung“ und dem „intelligenten Gebrauch einer bekannten Form“.

          Konstruktion und Rekonstruktion

          Von 1974 an hat Pehnt mehr als zwei Jahrzehnte lang die Abteilung Literatur und Kunst im Deutschlandfunk geleitet und seine beeindruckende Liste von Publikationen zur Architektur – darunter ein Klassiker zur Geschichte des Expressionismus – nebenberuflich vorgelegt; auch für diese Zeitung schreibt er regelmäßig. Die Gabe, mit eleganten, allgemein verständlichen Worten komplexe Gebäude vor den Augen der Leser erstehen zu lassen und sie in große historische Sinnzusammenhänge einzuordnen, ist ihm wie wenigen anderen gegeben, mehrere Essaysammlungen künden davon. Seine Arbeit als Architekturhistoriker hat er im schon zitierten Vorwort als Verfahren bezeichnet, das „ebenso auf Konstruktion wie auf Rekonstruktion“ hinauslaufe, schließlich sei der Erzähler nicht nur Berichterstatter, sondern auch Erfinder. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Pehnt Rekonstruktionen in der Welt des Bauens nur unter den strengsten Vorgaben zu akzeptieren bereit ist.

          Im Jahr 1995 trat Pehnt in den Ruhestand vom Brotberuf. Im Jahr darauf starb Julius Posener, und niemand in der Zunft hätte infrage gestellt, wer als Einziger Anspruch auf die Nachfolge auf dem Thron des Nestors der deutschen Architekturkritik hatte. Er ist seither ein arbeitender, kein repräsentierender Herrscher und nahm bis 2009 obendrein noch eine Professur an der Bochumer Universität wahr. Heute feiert der große Architekturgeschichtsarchitekt Wolfgang Pehnt seinen neunzigsten Geburtstag.

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