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Hannes Hintermeier (hhm)

Kulturwald oder Brennholz? : Im grünen Graz ist Wald über

Grüner geht Altstadt kaum: Der Klima Kultur Pavillon in Graz Bild: Breathe Earth Collective

Problemgrün: Wird der im Rahmen des Grazer Kulturjahres installierte Mikrowald „Klima-Kultur-Pavillon“ mit seinen fast achthundert Pflanzen entsorgt?

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          Ganz Österreich ist von Festspielen besetzt. Ganz Österreich? Nein! Eine von unbeugsamen Steirern bewohnte Stadt hört nicht auf, an die Zukunft zu denken. Und die mündet eben nicht in die Frage, ob die Buhlschaft mit Kurzhaarfrisur den „Jedermann“ am Salzburger Domplatz nun für immer verändert hat – was hätte das Hugerl dazu gesagt? –, sondern in die Antwort, wie es mit Österreich, seiner Artenvielfalt und seinem Wetter weitergeht.

          In die Begeisterung darüber, viel Natur zu haben, hat sich im Lauf dieser wegen regelmäßig auftretender Unwetterkatastrophen nur mühsam als Sommer zu erkennenden Urlaubs- und Ferienzeit doch erhebliche Skepsis gemischt. Nicht nur bei Zeitgenossen, die sich der Klimafrage verschrieben haben, nimmt das Gefühl zu, es womöglich übertrieben zu haben mit dem Zubetonieren dessen, was man gleichzeitig so innig zu lieben behauptet – der Heimat. In Graz, dieser eigensinnigen Kulturmetropole, hat man das früher geahnt als andernorts. Schon Ende April begann man am Freiheitsplatz vor dem Schauspielhaus mitten in der Altstadt einen Wald aufzustellen. Der hundert Quadratmeter kleine, im Rahmen des Grazer Kulturjahres installierte Mikrowald namens „Klima-Kultur-Pavillon“ besteht aus beinahe achthundert Pflanzen, darunter Rot- und Hainbuchen, Sommereichen, Föhren, Fichten, Dirndl-, Vogelbeer-, Holundersträucher, Adlerfarne, Storchschnabel, Walderdbeeren und Glockenblumen. Bäume, Sträucher, Gräser, Moos.

          Schnell haben sich Grazer mit dem Pavillon angefreundet, den das Künstlerkollektiv „Breathe Earth Collective“ als grünen Treffpunkt konzipierte. Mit Lesungen, Vorträgen, Workshops. Das Grüne und das Kommunikative liegen dem Steirer im Blut, in der Landeshymne, dem „Dachsteinlied“, heißt es in der ersten Strophe: „Wo die Sennerin frohe Jodler singt / und der Jäger kühn sein Jagdrohr schwingt / liegt ein schönes Land / ’s ist mein Heimatland / ’s ist mein liebes teures Steirerland“. Aus dem Geist dieses Liedes des Jahres 1844 wurde 1972 für die Tourismuswerbung die Text-Bild-Marke „Steiermark – Das grüne Herz Österreichs“: Mehr als sechzig Prozent des Landesgebietes bestehen aus Wald.

          Eigentlich, hätte man denken können, haben die Bewohner der Grünen Mark keinen Nachhilfebedarf in Sachen Flora. Die Städter offenbar schon, denn nach dem Ende des Kulturjahres und damit dem bevorstehenden Ende der Pavillon-Herrlichkeit wurde die Frage laut, was denn aus dem Mikrowald werden solle? Befürchtungen, er könne zu Brennholz verarbeitet werden, ist schon der Wind aus den Segeln genommen worden. Der Kulturwald kann auf die Unterstützung des Kulturstadtrats zählen. Womöglich wird das Wäldchen im nächsten Jahr an anderer Stelle in der Stadt wiedererstehen, bis dahin wird es gehegt und gewässert. Das Künstlerkollektiv spekuliert auf die dauerhafte Umwandlung in einen „Bewusstseinsbildungsraum“. Bis dahin müssen die Grazer wohl mit echtem Wald vorliebnehmen.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

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