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Was Weihnachtsmärkte beweisen : Glück ist kein Zustand

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Das Wetter sorgt für den Verlust an jahreszeitlichem Sinn: Plastikeiszapfen auf dem Homburger Weihnachtsmarkt Bild: dpa

Weihnachtsmärkte sind im Grunde einfach umdekorierte Herbstmärkte, die ihrerseits Metamorphosen von Altstadtfesten sind, die aus Apfelblüten- und anderen Festen hervorgingen. Was verheißen sie – und was verheißt ihr Ende?

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          Man soll nicht trinken, heißt es irgendwo, um fröhlich zu werden, sondern wenn man fröhlich ist. Ob das Geschehen auf den Weihnachtsmärkten dem entspricht? Wenn sie jetzt enden, weiß man jedenfalls nicht genau, warum. Von ihnen aus betrachtet, bleibt es purer Zufall, dass nun Weihnachten ist und nächste Woche nicht mehr.

          Der ältere Gedanke, mitten in der Kälte werde ein Licht angezündet und das Unwahrscheinliche gefeiert, nämlich, dass die Welt als Ganze einen Anlass zur Freude bietet, greift nicht mehr sicher. Denn so, wie dieser Tage das Wetter für den Verlust an jahreszeitlichem Sinn sorgt und der Nacht von Bethlehem einen nostalgischen klimageschichtlichen Index anfügt, so verändert auch das permanente Fest, das in den Innenstädten gefeiert wird, das Kalendergefühl.

          Wenn ständig gefeiert wird, ist Fröhlichkeit nicht überraschend. Dem entspricht die Produktionsseite der kollektiven Weihnachtsfeier. Dass der Wein glüht, wird, angesichts der Wärme draußen, zum Nebengesichtspunkt; Hauptsache, er bringt die Betankten zum Glühen, was er verlässlich in jeder Form jederzeit tut. Weihnachtsmärkte sind insofern einfach umdekorierte Martinifeste und Herbstmärkte, die ihrerseits Metamorphosen von Altstadtfesten sind, die aus Apfelblüten- oder Ebbelwoi- oder Mai- oder Schlossgraben- oder Fischer-, Winzer-, Feuerwehr-, Fasnachts- und Erdbeerfesten hervorgingen.

          Der Beitrag der Weihnachtsmärkte

          Es gibt so viele Arten, schlechten Wein umzugießen. Einschlägige Festsuchmaschinen liefern allein für die Rhein-Main-Region knapp zweihundert Festtermine im Jahr. Die mithin anzunehmende Dauergrundfröhlichkeit verwundert nur darum, weil ja angeblich überall schlechte Stimmung, Ressentiment, Neid und Beschwerdementalität herrschen. Im Kontrast stünde die frohe Botschaft so nicht mehr zur objektiv kalten Welt, sondern nur zum subjektiv kalten Gerede, das wiederum mit einer unablässigen Glühweingesinnung einherginge. Ständiger Deutschlanduntergang wäre auf diese Weise mit ewigem Dornfelderaufschäumen kombinierbar. Dabei enthält die Nacht von Bethlehem die umgekehrte Botschaft der familiären Häuslichkeit und des Pessimismusuntergangs.

          „Glück“, schreibt Gilbert K. Chesterton in seinem Kommentar zu den Weihnachtserzählungen von Charles Dickens, „ist kein Zustand, sondern eine Krise.“ Es flammt auf, wenn etwas Neues eintritt, wenn etwas eine Stunde hat, wenn es in ihr zunächst still war und dann geläutet wird, wenn die Tür zuerst geschlossen ist und sich dann öffnet, wenn die Geschenke erst eingepackt sind und dann ausgepackt, wenn das Kind erwartet wird und dann da ist. Vielleicht tragen die Weihnachtsmärkte auf ihre Weise zu einer solchen Krise bei: weil sie beweisen, dass Weihnachten nichts ist, was es außerhalb von Weihnachten geben könnte, und auch nichts, was es außerhalb von Häusern oder Hütten gibt.

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