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Was vom „TV-Duell“ bleibt : Die Halskette

Beim angeblichen Fernsehduell zwischen Kanzlerin und Kandidaten konnte man den Moderatoren Maybrit Illner, Anne Will, Peter Kloeppel und Stefan Raab dabei zuzusehen, wie sie jede Spannung zunichte machten.

          3 Min.

          Der Deutsche Gewerkschaftsbund Nord wünscht sich was: eine zweite Ausgabe des „Fernsehduells“, damit „die Bürgerinnen und Bürger gut informiert an die Wahlurne treten können“. Wir würden wetten: Das können sie auch jetzt schon. Das konnten sie vor dem „Duell“ und danach erst recht, wegen oder trotz dieser Sendung. Nur eines können sie, können wir nicht:

          Noch einmal derart aufgesetzte neunzig Minuten durchstehen, in denen sich vier Moderatoren wie ein Abwehrriegel vor die beiden Duellanten Angela Merkel und Peer Steinbrück stellen, ungeduldig darauf wartend, wann sie endlich mit einer Frage dran sind und dabei permanent auf die Uhr schauend, um Redezeit zu verteilen.

          Das war das Gegenteil eines Duells. Es waren zwei trockene Referate, denen die Zuschauer mit staunenswerter Hartnäckigkeit gefolgt sind. 17,63 Millionen Menschen haben sich das Duell auf einem der fünf übertragenden Kanäle angesehen, und das - wie der Quotenverlauf des Abends zeigt -, sogar mehr oder weniger konstant von Anfang bis Ende. Die meisten - wie stets, wenn die ARD sich mit weiteren Programmen zusammenschaltet - im Ersten, das allein auf mehr als zehn Millionen Zuseher kam. Das ist die Gnade des ersten Platzes auf der Fernbedienung.

          Zwei links, zwei rechts

          Diese Zahl spricht allerdings genauso wenig für sich wie das angeblich bombastische Twitter-Aufkommen (173.000 Tweets, beim Champions-League-Finale waren es angeblich 4,8 Millionen). Sie korrespondiert eher mit dem statistischen Material, mit dem sich die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer bewaffnet hatten, um ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Den politisch Interessierten blieb schließlich nichts anderes übrig, als Maybrit Illner, Anne Will, Peter Kloeppel und Stefan Raab dabei zuzusehen, wie sie jede Gelegenheit, bei der Merkel und Steinbrück wirklich einmal hätten aufeinander losgehen können, zunichte machten. Zwei links, zwei rechts; eine Frage, einmal nachhaken, der nächste bitte; drei Minuten zu viel für Merkel, also drei Fragen am Stück für Steinbrück, am Schluss für jeden eine Wahlkampfrede. Auf jedem Fachseminar geht es turbulenter zu.

          Und worum ging es gestern, am Tag danach? Um die schwarz-rot-goldene Halskette von Angela Merkel, um die Pkw-Maut, der die Bundeskanzlerin eine Absage erteilte, was Rainer Brüderle und die FDP freut und der CSU Gelegenheit gibt, sich ein wenig aufzuplustern. Um Peer Steinbrücks vorsichtig unklare Aussage geht es, die Pensionen müssten an die Entwicklung der Renten gebunden werden, was sogleich den Deutschen Beamtenbund auf den Plan ruft und gerade einmal für einen Schlagabtausch auf einem Nebenschauplatz taugt.

          Und um Stefan Raab natürlich, der auch nicht besser war als die drei anderen, aber erstaunlicherweise als Held gilt, nur weil er damit herausplatzte, wie cool er Steinbrück (“King of Kotelett“) und wie bedauerlich er es findet, dass der nicht Vizekanzler in einer großen Koalition werden will. Das musste wirklich einmal gesagt werden. Wenn derartiges Gekasper jetzt schon als Sternstunde des politischen Journalismus gilt, dann gute Nacht.

          Ins Absurde gesteigert

          Ansonsten galt, was Maybrit Illner vor einiger Zeit im Interview mit dieser Zeitung gesagt hatte, dezidiert nicht. „Um diese vier Journalistenköppe geht es doch nicht“, sagte sie. Um die ging es dann aber doch. Um zwergenhaftes Aufbäumen, wenn es galt, eine Frage beantwortet zu bekommen, aber nicht darum, einen Gedanken, eine Forderung, eine Behauptung bis zum Ende nachzuverfolgen.

          In quälend langen neunzig Minuten war dafür keine Zeit. Doch flitzte Anne Will hernach eigens vom „Duell“-Studio in Berlin-Adlershof ans andere Ende der Stadt in die Sendung von Günther Jauch, um das Zusammenspiel mit den drei übrigen Fragestellern „super“ zu finden, Edmund Stoiber ganz herzlich von Stefan Raab zu grüßen und das Ganze als großen Dienst für die Demokratie auszuweisen. Kleiner geht es bei solchen Gelegenheiten nicht.

          Ins Absurde gesteigert wurde die Selbstvergewisserung dann noch von dem WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, der Zahlen einer Umfrage von Infratest dimap runterratterte, für die mehr als tausend Zuschauer ausgequetscht wurden. Dabei kam heraus, dass die große Mehrheit Steinbrück „angriffslustiger“, aber viel weniger „fair“ als Merkel fand. Was sind das bloß für Kategorien? Und auch Steinbrücks vermeintlicher knapper Vorsprung im Ganzen (49 zu 44 Prozent), den Umfragen bei ZDF (40 zu 33 Prozent für Merkel) und RTL sofort konterkarierten, war so minimal, dass er gen null tendiert, zieht man die bei solchen Erhebungen zu verzeichnende Unschärfe von zwei oder drei Prozentpunkten in Betracht - eine glatte Nullaussage.

          Die dann durch den finalen Befund doppelt und dreifach unterstrichen wurde: Fast die Hälfte der Zuschauer gab an, das Duell werde sie bei ihrer Wahlentscheidung nicht beeinflussen. Die entscheidende Frage wäre, warum das so ist. Sie wurde von Günther Jauch sogar gestellt, aber nicht beantwortet: Vier Fragesteller beim „Fernsehduell“ sind drei zu viel.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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