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Ende der Documenta : Hundert Tage, vorbei

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Die „D 15“ wird man als die Documenta mit dem Antisemitismus-Skandal erinnern. Dabei gab es sehenswerte Kunst dort, wie etwa „Return To Sender“ vom Nest Collective. Bild: Nils Klinger/Documenta

Noch nie haben so viele Beteiligte einer Documenta die Ausstellung mit dem Gefühl verlassen, hintergangen, missverstanden und beschädigt worden zu sein. Was bleibt?

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          An diesem Sonntag geht in Kassel die 15. Documenta zu Ende, und wären die Dinge anders gelaufen, als sie leider gelaufen sind, dann würde man jetzt vor allem über die Entdeckungen sprechen, die dort zu machen waren: über die Filme der Initiative Sada, die Arbeiten irakischer Künstler zeigt, darunter beeindruckende Filme, die die amerikanische Invasion Bagdads aus der Per­spektive der irakischen Bevölkerung festhalten. Über eine andere Art, Kunst zu zeigen, wie sie Khalid Albaih in einer Unterführung vorführte, wo er Passanten in Gespräche über seine Kunst verwickelte.

          Man hätte sich ausgiebig mit dem Nest Collective aus Nairobi beschäftigen können, einer kenianischen Künstlergruppe, die vor der Kassler Orangerie ein Haus aufgestellt hatte, gebaut aus dem Müll, den der Westen in Afrika verklappt – wobei dieser Müll so gepresst wurde, dass das Ergebnis an die Tradition westlicher abstrakter Skulpturen etwa von César erinnerte: Plastiken aus dem Plastik der Wohlstandsgesellschaft.

          Als wir vor ein paar Jahren das Nest Collective in einem weitläufigen Haus in einem der ruhigeren und grüneren Viertel von Nairobi trafen, waren sie in Deutschland fast niemandem bekannt, in Kenia aber schon Superstars, die Bücher schrieben, Performances veranstalteten und für ein selbstbewusstes, neuen Kolonialisierungstendenzen gegenüber kritisches Kenia standen. Bekannt wurden sie mit Filmen wie „Stories of Our Lives“, einer Anthologie des queeren Lebens im ländlichen Afrika, mit rätselhaft schönen, futuristischen Filmen über Mode und dem Fonds HEVA, der ostafrikanische Kreativunternehmer fördert. Hat man darüber genug gehört?

          Schuldzuweisungen dominierten

          Bei Weitem nicht. Es lag auch an der überforderten Documenta-Leitung, dass nach der Enthüllung von Taring Padis Banner fast ausschließlich über Antisemitismus gesprochen wurde (und tatsächlich deutlich weniger über die Vorwürfe einiger Künstler, in Kassel rassistisch beleidigt worden zu sein). Am Ende wurden Antisemitismus und Rassismus gegeneinander ausgespielt, Schuldzuweisungen und Verallgemeinerungen dominierten: Der globale Süden offenbare seinen Judenhass, sagten die, die die Documenta als „Antisemita“ diffamierten, wie es auch ein „Spiegel“-Kolumnist tat; die Medien wollten bewusst die erste nichtwestliche Documenta zerstören, argwöhnten andere.

          Die letzten öffentlichen Statements zeigen, wie blank die Nerven liegen. Die eingesetzte Expertenkommission zur Untersuchung der antisemitischen Vorfälle forderte mehrheitlich, die Arbeit „Tokyo Reels“ abzuschalten, und warf den Organisatoren vor, „Israelhass und Glorifizierung von Terrorismus“ zu legitimieren. Die Kuratoren weigerten sich, das Werk zu entfernen, und warfen dem Beirat eine „rassistische Tendenz in einer schädlichen Struktur von Zensur“ vor. Meron Mendel, einer derjenigen, die lange einen Dialog gesucht hatten, erklärte zuletzt, Ruangrupa habe keine Offenheit und keinen Lernwillen gezeigt. Mitglieder der Findungskommission werfen ihren Kritikern vor, in der Nötigung der Kuratoren zu Bekenntnissen (zum Existenzrecht Israels) blitze deutscher Bürokratismus und eine neokoloniale Haltung durch. Aber so wenig wie es „die“ Medien (die sehr unterschiedlich berichteten) oder „den“ globalen Süden gibt (selbst innerhalb von Ruangrupa wurden die Vorgänge nicht einheitlich bewertet), so wenig sollte man denen folgen, die hier neue Frontlinien ziehen wollen.

          Das wenige, worauf man sich wohl wird einigen können, ist die Feststellung, dass noch nie so viele Beteiligte einer Documenta, Teilnehmer wie Kritiker, diese mit dem Gefühl verlassen, hintergangen, missverstanden, in etwas hineingezogen, beschädigt worden und Opfer von Stereotypisierungen zu sein. Das ist angesichts von Werken wie denen vom Nest Collec­tive, die gerade das Individuelle, nicht Verallgemeinerbare ermutigen, eine Tragödie. Sie zeigen, was diese Documenta hätte sein können ohne diejenigen, die sie für ihre ideologische Agenda missbraucht haben.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

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