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Mythos Schwabing : Die angeblich besseren Zeiten

Von den Stammgästen des „Cafés Stefanie“, jenes Künstlerlokals, dem, zum Beispiel, Johannes R. Becher diese Zeilen gewidmet hatte: „Ein Denker hielt mit Kokain sich wach. Am Tisch daneben spielte Mühsam Schach“ – von diesen Stammgästen war nur noch der einstige Postkartenmaler und Gefreite des Ersten Weltkriegs übrig, Adolf Hitler, den nicht das Talent, nur die Scheu vor regelmäßiger Arbeit zum Bohemien machte.

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Wie alles angefangen hatte, ist schon schwerer zu sagen. Gewiss ist, dass die Münchner Kunstakademie in jenen Jahren die beste neben Paris war, was Künstler wie Kandinskij, Klee, Kubin, Marc, De Chirico nach Schwabing lockte. Gewiss ist auch, dass mit der Kunst bedeutende Geschäfte gemacht wurden, weshalb es eine gute Investition war, wenn in den Schwabinger Bürgerhäusern die Dachgeschosse für die Künstler hergerichtet wurden, mit großen Fenstern nach Norden. Dass außer den Malern auch die Dichter, Denker, Lebensreformer und Sektengründer, die „Genieanwärter“, wie Mühsam sie nannte, nach Schwabing kamen, hatte wohl den Grund, dass München nicht so preußisch wie Berlin und nicht so dekadent wie Wien war, eine schöne Stadt, die zum Bismarck-Reich gehörte und ihm doch geistig und kulturell den Rücken zuwandte und nach Süden schaute, in die Berge und weiter, nach Italien. Und ganz egal, wessen Aufzeichnungen aus jener Zeit man auch durchblättert: auf das, was Thomas Mann die „unbedenklichen Sitten“ nennt, kommen fast alle zu sprechen, lobend natürlich; und dass dieser Hang zur Libertinage nicht nur ein exklusives Vergnügen der Männer war, das hat vor allen anderen Franziska zu Reventlow vorgelebt und aufgeschrieben, die norddeutsche Gräfin und Schriftstellerin, die mehr Mut brauchte und ein höheres Risiko einging als sechzig Jahre später Uschi Obermaier, wenn sie dieselben erotischen Rechte für sich in Anspruch nahm; aber immerhin gelang es ihr. Und wenn man ihre Schriften „aus einem merkwürdigen Stadtteil“ (wie sie das nannte), die fast alle autobiographisch sind, noch einmal liest, meint man das Wesen des Schwabinger Mythos einigermaßen klar zu erkennen. Es geht darum, dass, wenn man als Künstler die Kunst ernst nimmt, man auch sein Leben ändern muss. Und dass der künstlerische Zugang zum eigenen Leben vor allem darauf hinausläuft, dass man an dessen Verzauberung arbeitet. Der Mythos, den man sich doch sonst erst dann erzählt, wenn die Dinge geschehen und die Helden tot sind, der Mythos von Schwabing war etwas, das man bewohnen konnte.

Thomas Mann, der dabei war und sich doch heraushielt, weshalb er, mit „Gladius Dei“, mit „Beim Propheten“, mit „Tonio Kröger“ und der verrückten Erzählung „Der Kleiderschrank“ vielleicht der gewissenhafteste Chronist dieser Verhältnisse ist, Thomas Mann hat das ganz anders gesehen: Als sein Doppelgänger Tonio Kröger, zu Besuch im Atelier einer Malerin, auf sein bürgerliches Äußeres angesprochen wird, antwortet der: „Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch.“

Was paradoxerweise erst recht eine sehr schwabingerische Haltung ist. Und eine sehr heutige auch.

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