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Mythos Schwabing : Die angeblich besseren Zeiten

Wie rauschhaft, wie herrlich

Helmut Dietl war sechzehn, als seine Mutter mit ihm nach Schwabing zog, aus der westlichen Vorstadt Laim an die Römerstraße; schräg gegenüber hatte, wenn er in München war, Stefan George gewohnt – und genau diese Vergangenheit, dieser Mythos war es, was den jungen Dietl erregte: Er, der danach strebte, ein bedeutender Lyriker zu werden, lebte endlich da, wo um die Jahrhundertwende herum all das geschehen war und sich ereignet hatte, was er sich von seinem Leben als Künstler erwartete. Hier, im Umkreis von maximal einem Kilometer, hatten Rilke, Ringelnatz, Mühsam gelebt, Johannes R. Becher, Frank Wedekind, Leonhard Frank, Ernst Toller. Und an der Kaiserstraße 46 der Herr Mayer, ein sehr vergeistigter Herr aus Russland, dessen revolutionäre Ansichten bekannt waren, weshalb die Leute spotteten, dass aus dem Umsturz in Russland wohl nichts werden würde, wenn Leute wie Mayer ihn betrieben. Herr Mayer hieß in Wirklichkeit Uljanow, Wladimir Iljitsch, und es soll in München gewesen sein, dass er den Kampfnamen Lenin wählte.

Dietls Schwärmerei für diese angeblich besseren Zeiten, so beschreibt er das in seinen Erinnerungen, dauerte ungefähr so lange, bis er Stammgast wurde in „Lilo’s Leierkasten“ an der Occamstraße, also nicht sehr lange. Diese Bar war kurz zuvor noch ein Treffpunkt homosexueller Männer gewesen, die aber meistens in weiblicher Begleitung kamen, für den Fall, dass die Sittenpolizei hereinschneite und man heterosexuelle Flirtverhältnisse vorspielen musste. Und es war wohl diese Freude am Rollenspiel, die lustvolle Uneigentlichkeit des Sichnäherns und Sichverstellens, was die Bar in den frühen Sechzigern zum Künstlerlokal und Hauptquartier nicht nur der homosexuellen Bohème machte. Hinter der Bar und, wenn es zu voll wurde, auch an der Tür stand Bernd Stockinger, damals Student, der später Münchens bester Modedesigner wurde, der Mann, für den die Touristen aber Rudolf Mooshammer hielten. Johannes von Thurn und Taxis feierte hier seine Feste, Fritz Arnold, der Verleger, auf den der Dichter Dietl seine Hoffnungen setzte, kam sehr oft, Andreas Baader auch. Wie Helmut Dietl die Nächte in „Lilo’s Leierkasten“ beschreibt, denkt man beim Lesen: Wie rauschhaft, wie herrlich, damals lebte Schwabing noch. Aber wenn die Gäste von „Lilo’s Leierkasten“ am späten Morgen ihren Rausch ausgeschlafen hatten, dachten sie womöglich: ganz schön, so eine Nacht. Aber die Künstlerfeste um die Jahrhundertwende waren ganz sicher noch viel wilder.

Die Herrschaft der Kunst

Und genau das ist es, wovon der Mythos Schwabings ursprünglich erzählt: von den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, den ersten Jahren des zwanzigsten, der Zeit, da in Schwabing mehr gedichtet, gemalt, Theater gespielt wurde als in jeder anderen deutschsprachigen Stadt. Und mehr geliebt, gefeiert, heftiger und freier gelebt. „Die Kunst“, schreibt Thomas Mann in „Gladius Dei“, war „an der Herrschaft“. Und in den Nächten, heißt es in der Erzählung „Beim Propheten“, traf man „Verbrecher des Traums“.

Wie diese Zeit zu Ende ging, lässt sich einigermaßen genau bestimmen: Als die Räterepublik, die als Herrschaft der Literaten begonnen hatte und als quasi-bolschewistisches Projekt die Sympathien des Volks verlor, besiegt und niedergeschlagen wurde von Reichswehr und Freikorps im Frühjahr 1919, war die Bohème, aus der heraus die Revolution auch die werktätigeren Münchner mitgerissen hatte, erledigt und vorbei. Erich Mühsam und Ernst Toller kamen in Festungshaft, Gustav Landauer wurde ermordet, B. Traven ging nach Amerika.

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