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Mythos Schwabing : Die angeblich besseren Zeiten

Es saßen dann aber alle im „Venezia“, hundert Meter weiter, rückten ihre Ray Bans zurecht und versuchten, auch wenn sie nur Studenten waren, wie Filmer oder mindestens wie Filmstudenten zu schauen und die alten Lederjacken oder die Comme des „Garçons“-Sakkos mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit zu tragen. Man musste auch nachmittags gefasst sein auf die Begegnung mit gerade erst in Schwabing angekommenen Studentinnen, die hier beim Film zu landen hofften. Den größten inneren Aufruhr gab es aber, wenn Frieda Grafe, die um die Ecke wohnte, vorüberging, mit ihrem Mann Enno Patalas, in ihren unerreicht mondänen Pariser Siebziger-Jahre-Garderoben; Frieda (man nannte sie, wie eine Königin, beim Vornamen), so flüsterten wir einander zu, war als Intellektuelle in Paris berühmter als in München und mit den Denkern, vor denen Peter Glotz uns warnte, per du.

Der ganz normale Wahnsinn

Selbst wer dabei war, möchte, aus der Distanz von fast vierzig Jahren, gleich wieder dabei gewesen sein: Wo man doch, während man dabei war, dachte, dass man Schwabing lieber in den Sechzigern gesehen und erlebt hätte, damals, als das „Adria“ noch „Café Europa“ hieß und erst der Ort war, an dem sich Münchens jüdische Jugend traf. Wo der Sieg Israels im Sechstagekrieg mit einer legendären Party gefeiert wurde. Und wo Towje Kleiner, der später in Helmut Dietls „Ganz normalem Wahnsinn“ die Titelrolle spielte, melancholische Lieder sang und Witze erzählte.

Und dann, in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, trafen sich hier die revolutionären Studenten, deren hitzigste Köpfe, Dieter Kunzelmann zum Beispiel, aber bald nach Berlin abwanderten – schon weil die Revolution in Schwabing längst vorüber und gewonnen war: Am 21. Juni 1962, es war Fronleichnam, Sommeranfang und sehr heiß, hatten ein paar junge Leute vor dem Weinlokal „Hahnhof“ an der südlichen Leopoldstraße Gitarre gespielt und russische Lieder dazu gesungen; Passanten hatten getanzt, und bald nach zehn Uhr kam die Polizei, um der Ruhestörung ein Ende zu machen. Und dann gab es Krawall, Rauferei, Gewalt, fünf Nächte lang, bis es am Dienstag regnete und kühler wurde; man nannte diese Nächte bald die „Schwabinger Krawalle“, und wenn man die, die mitgerauft hatten, zwanzig Jahre später fragte, worum es eigentlich gegangen sei, hieß die Antwort: um ein besseres Leben. Um mehr Süden, mehr Musik, mehr Liebe. Um die Jugend an der Macht. In der zweiten Nacht hatten die Leute die Stühle und Tische der Cafés mitten auf die Straße gestellt, und auf dem Mittelstreifen tanzten die Pärchen Twist.

Bierdeckel aus München

Die Forderungen wurden nach und nach erfüllt; das liberale Bürgertum sehnte sich ja selbst nach mehr Jugend, und übertriebene Sittenstrenge war noch nie ein Merkmal der Münchner Kultur gewesen: „Etwas zu große Füße und unbedenkliche Sitten“ hatte schon sechzig Jahre zuvor Thomas Mann den hiesigen Mädchen attestiert. Und zum Mythos der Schwabinger sechziger Jahre gehört nicht nur, dass der Fotograf Will McBride auf der Leopoldstraße nicht anders konnte, als seine Kamera zu entsichern, als jenes dunkelhaarige, schöne und auffallend lebensfrohe Mädchen daherkam, aus dem dann Uschi Obermaier wurde. Sondern auch, dass diese junge Frau ihre Liebhaber so selbstbewusst aussuchte und auswechselte, wie das bis dahin nur die Männer mit den Frauen getan hatten; und dass der Münchner Boulevard sie feierte dafür.

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