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Beethovens Musik : Really wortkarg

Das berühmte Porträt des Komponisten von Karl Joseph Stieler (1781-1858) Bild: Picture-Alliance

Die Musik von Ludwig van Beethoven zeigt Arbeit, wie es nur gegenstandsloser Kunst möglich ist. Sie ist nachdenkende Kunst und sie gibt zu denken. Zum 250. Geburtstag des Komponisten.

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          Im Jahr 1937 schreibt Samuel Beckett auf Deutsch einem Berliner Buchhändler über das musikalische Vorbild für wirklich neue Literatur: „Gibt es irgendeinen Grund, warum jene fürchterlich willkürliche Materialität der Wortfläche nicht aufgelöst werden sollte, wie z.B. die von großen schwarzen Pausen gefressenen Tonflächen in der siebten Symphonie von Beethoven?“

          Beckett ging es um die unbedachte Redseligkeit der Schriftsteller, und er fordert eine „Wortstürmerei im Namen der Schönheit“. Er will dem Schweigen einen Raum in der Sprache geben, aber unter einer Voraussetzung, die er an anderer Stelle so formuliert: „To be really wortkarg, one must know every Wort.“

          Das ist nur eine kleine Episode in der Geschichte des Nachdenkens über Kunst. Doch sie deutet an, welche Zäsur Beethoven in dieser Geschichte bedeutete. Seine großen Werke dienten nicht der höfischen Entspannung oder irgendeiner Freude über die tatenlos angeschaute Welt. Die letzten Quartette oder die Sechs Bagatellen op. 126 empfehlen sich nicht als Hausmusik. Seine Musik ist auch kein gesungenes Lob von Zuständen, und man kann sie nicht gut zum Essen hören.

          Der späte Ausspruch Beethovens, Religion und Basso continuo bedürften als abgeschlossene Dinge keiner weiteren Diskussion, umschreibt diese nichts begleitende, so gut wie nichts voraussetzende und kein harmloses Element enthaltende Kunst. Beethovens Musik ist und sie zeigt Arbeit, und zwar, wie es nur gegenstandsloser Kunst möglich ist, Arbeit mit nahezu beliebigen Anfängen. Sie erschöpft sich nicht in einem Ergebnis, sondern zielt, mit einem Satz aus der „Phänomenologie des Geistes“ darauf, das Ergebnis und den Weg dorthin hörbar zu machen.

          Das Jahr 1770, in dem Hölderlin, Hegel und Beethoven geboren wurden, markiert insofern die Anfangszeit einer Kunst, die sich als nachdenkende Kunst und als zu denken gebende Kunst begreift. Man kann sie genießen, doch Genuss ist kein passendes Wort für das, was die Leser von „Der Rhein“ und die Zuhörer von Opus 132 erfahren sollen. Im Grunde verlangen diese Werke ihr Studium, ihre Diskussion.

          Ob die ästhetische Lage der Gegenwart in der Frage, wie viel Zeit in das Studium einzelner Werke gesteckt wird, viel Zutrauen in ein Kontinuum von 1800 über Beckett bis 2020 erlaubt, ist schwer zu beantworten. Der Vorteil in den fortschrittsarmen Gebieten der Kunst ist aber, dass man es gar nicht zu beantworten braucht, weil die Werke hier – anders als in der Wissenschaft, dem Recht, dem Städtebau oder der Industrie – einander ja nicht überholen und Späteres Früheres obsolet macht. Man verpasst nichts, am wenigsten größere Kunst, wenn man die Sechs Bagatellen op. 126 anhört, darüber nachliest und nachdenkt.

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