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Digitalisierung gegen Corona : Menschen wollen körperlich berührt werden

  • -Aktualisiert am

Digitale Therapie könnte bei Depressionen sogar effektiver sein als die analoge Variante. Bild: dpa

In der Corona-Krise werden große Hoffnungen in die Digitalisierung gesetzt. Unter anderem soll sie psychische Folgeschäden der Pandemie abwenden. Neue Studien werfen die Frage auf: Kann das funktionieren?

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          Die Covid-19-Pandemie hat weltweit und in kürzester Zeit massive Veränderungen im Alltag der Menschen und auf allen gesellschaftlichen Ebenen erforderlich gemacht. Die Frage, wie dieser Herausforderung begegnet werden kann, führt dabei nicht selten auf den Begriff der Digitalisierung: Sie soll die Veränderung im System ermöglichen, die es braucht, um die Krise besser zu meistern.

          Ginge die Digitalisierung schnell genug vonstatten, ließen sich mit ihrer Hilfe wirtschaftliche und psychische Folgeschäden der Pandemie abwenden oder abmildern, so lautet zumindest der Plan. Vor diesem Hintergrund käme wohl auch kaum jemand auf die Idee, der IT-Branche vorzuwerfen, dass sie aus der Krise ihren Nutzen zieht – selbst wenn die Branche auf ihren eigenen Aufschwung mit Jubel reagiert, wie beispielsweise das Fachmagazin „IT Management“, das „Corona sei Dank“ titelte.

          Mehr Unterstützung und soziale Verbundenheit

          Kann die digitale Technik ihr Versprechen an die Gesellschaft einhalten? Mit Blick auf die psychischen Folgen des Lockdowns gibt es in den Vereinigten Staaten, die weltweit am stärksten betroffen sind und einer Schätzung der Harvard-Universität gemäß noch bis 2022 auf social distancing angewiesen sein werden, bereits jetzt eine Reihe von Studien. Allerdings sind die Befunde sehr gemischt. Während einige Studien vom großen Verdienst des Digitalen berichten, weisen andere auf die Grenzen der Technik hin.

          So zeigt sich beispielsweise: Genau wie der Schulterschluss in einer Menschenmenge noch keine Verbundenheitsgefühle verspricht, ist die physische Isolation auch nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen. Entgegen allen Befürchtungen hat die Einsamkeit in einer repräsentativen Stichprobe aus rund zweitausend Amerikanern nicht zugenommen, berichten Forscher der Florida State University im Journal „American Psychologist“. Sie blieb konstant, obwohl die erste Erhebung schon Anfang Februar stattfand, als ein Sozialleben noch in analoger Form möglich war. Signifikant zugenommen hat in den Lockdown-Monaten März und April hingegen die Unterstützung und soziale Verbundenheit, die die Befragten hauptsächlich online erfuhren. Weder Alleinlebende noch Menschen mit chronischen Vorerkrankungen – zwei Gruppen, die im Lockdown von physischem Sozialkontakt absehen mussten – fühlten sich einsamer. Dies deutet darauf hin, dass zum Abfedern der Krise der Zugang zu digitaler Kommunikation entscheidend war.

          Werden digitale Reformen nach dem Ausnahmezustand revidiert?

          Eine andere Risikogruppe konnte noch stärker von dem Digitalisierungs-Schub profitieren: Patienten mit psychischen Erkrankungen. Dazu schreiben Psychiater der Universität Michigan, die Pandemie habe in der Telemedizin (also Behandlungen per Videokonferenz oder mit webbasierten Interventionen) endlich einen Stein der Liberalisierung ins Rollen gebracht. Ärztliche Befugnisse, zum Beispiel hinsichtlich der Verschreibung, wurden in den Vereinigten Staaten von der Bundesbehörde DEA erweitert. Die Krankenversicherung Medicare folgte ihrem Beispiel; ein persönlicher Kontakt zum Arzt ist bei der Abrechnung nun nicht mehr entscheidend. Vor allem für Drogenabhängige sei das eine große Erleichterung, denn in den Vereinigten Staaten herrscht parallel eine Epidemie im übertragenen Sinn: Schätzungsweise zwei bis drei Millionen Menschen sind opioidabhängig. Auch bei Depressionen erscheint die Telemedizin vielversprechend. Eine aktuelle Metaanalyse, für die an der McMaster-Universität in Kanada sieben Studien zusammengefasst wurden, kommt zu dem Schluss, dass die Teletherapie bei depressiven Symptomen mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar effektiver als die analoge Variante ist. Nach Ende des Ausnahmezustands dürfe deshalb nicht revidiert werden, was die Not an digitalen Reformen hervorgebracht hat, so der Appell aus Michigan.

          Allerdings kommt diese Reform nur jenen zugute, die sich die Hardware dafür leisten können. Darüber hinaus treten im Lockdown Defizite auf, wo der Computer sie nicht kompensieren kann, so beispielsweise bei Krebspatienten, die für eine Therapie weiterhin in die Klinik kommen müssen und obendrein auf den emotionalen Beistand ihrer Familie angewiesen sind. Auch der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen wurde in den Vereinigten Staaten erschwert, obwohl deren psychische Dimension nicht zu unterschätzen ist.

          „Haut-Hunger“ steckt auch in den Genen

          Im Zentrum der Befürchtung, der digitale Ersatz sei unzureichend, stehen Kinder und Jugendliche. Häufig wird betont, Lockdown und Rettungsprogramme seien über die Köpfe der jüngsten Generation hinweg beschlossen worden. Aus New York heißt es zum Beispiel, die psychische Entwicklung von Zwölf- bis Vierundzwanzigjährigen könne gestört werden, wenn sie keine sexuellen Beziehungen in der realen Welt mehr eingehen dürfen. Andererseits: Für die Aufklärung und den Zugang zu Verhütungsmitteln böte die Telemedizin, die jetzt im Kommen ist, wiederum große Chancen – allerdings nur unter der Bedingung, dass Jugendliche einen Rückzugsort für den Videoanruf bei ihrem Arzt haben.

          All die Lobeshymnen auf digitale Technik haben aber noch einen weiteren Haken. Möglicherweise fällt es nicht allen Menschen gleich leicht, sich auf eine neue Ära einzustellen und ihre körperlichen Bedürfnisse ins Internet zu tragen. Forscher der Universität von Arizona haben in einer Studie mit knapp fünfhundert Zwillingspaaren Anhaltspunkte dafür gefunden, dass zumindest bei Frauen die Neigung zu zärtlichem Körperkontakt nicht bloß sozial erlernt wurde. Ihr „Haut-Hunger“, das Bedürfnis nach Umarmungen oder Handschlägen, könne zu einem Teil (hier waren es im Mittel 45 Prozent) auch durch Vererbung erklärt werden. Die Ergebnisse bei den männlichen Zwillingen erlaubten eine solche Schlussfolgerung nicht. Obwohl es dazu keine Auswertung gab, wäre es dieser Studie nach plausibel, dass Frauen, denen ein starkes Bedürfnis nach Körperkontakt in den Genen steckt, im Lockdown Probleme bekommen. Digitales hält hier vorerst keine Lösung bereit. Wie solch eine Veranlagung zum Körperkontakt adaptiv sein kann? Zu dieser Frage schreibt das Forschungsteam mit philosophischer Anwandlung: Der Mensch sei das Tier, das nicht überleben kann, ohne zumindest als Säugling berührt zu werden. Nach dieser Definition wäre dem Einzug des Digitalen hier eine fundamentale Grenze gesetzt.

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