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Bundesminister Lauterbach : Karl, allein zu Haus

Karl Lauterbachs Stärke ist seine Expertise – doch ohne Unterstützung kann er Deutschland nicht aus der Pandemie führen. Bild: Reuters

Der Gesundheitspurist Karl Lauterbach bringt viel mit, was anderen in dem Ressort bisher abging. Für Partei und System macht ihn das noch lange nicht zum Heilsbringer.

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          Karl Lauterbach darf also doch noch Gesundheitsminister werden, und man fühlt sich gleich viel gesünder. Sie nicht? Schade, denn dann geht das Kalkül von Olaf Scholz bei Ihnen erst mal nicht auf. Gefühlt soll es jetzt in der Pandemie nämlich aufwärtsgehen, endlich raus aus dem Schlamassel, und für seinen Chef hat Karl Lauterbach das nötige medizinische Rückgrat, um uns wenn nötig auch mit schwerem wissenschaftlichen Gepäck endlich da herauszulotsen.

          Gefühlt war Lauterbach sowieso schon lange Bundesgesundheitssprecher in der Hauptstadt, und das hat er allein sich selbst zu verdanken. Um Parteienproporz oder Quote hat sich „Panik-Karl“ so wenig geschert wie um die Globuli-Verteidiger, von denen es in diesem Land sicher noch mehr gibt als Sozialdemokraten mit Parteibuch. Gerade noch rechtzeitig hat Scholz gemerkt, dass Lauterbach nicht etwa trotz seiner Nibelungentreue zur wissenschaftlichen Medizin, sondern wegen seiner fernsehtauglichen Dauerberieselung aus Oxford- und Harvard-Studien für viele zum Politiker der Herzen geworden ist. Mit Expertise und Kompetenz politisch Karriere machen, das klingt für viele exotisch, ist aber offensichtlich möglich. Auf der anderen Seite geht es hier um einen Ministertypus, den eine Volkspartei sich erst mal leisten können muss: evidenzbasiert bis unter die Nägel. Interessenausgleich gehört nicht zum Markenkern Lauterbach.

          Den Krankenkassen hat er früher schon gedroht, die Erstattung der Homöopathie zu verbieten, er selbst ernährt sich seit Jahrzehnten salzarm, fettige Würstchen sind Gift und auf dem Grill bitte nur Fisch und Gemüse, dazu Marinade aus Olivenöl und Kräutern. Weil manche auch das schon als Einstieg in eine Gesundheitsdiktatur deuten und seine persönlichen Überzeugungen wie einen Amtseid behandeln, darf man erwarten, dass die Debatte um Lauterbachs steile Karriere als Heilsbringer mit der Bewältigung der Pandemie bestimmt nicht beendet sein wird. Das Spaltungspotential seiner Berufung ist enorm – und bleibt über die aktuelle Gesundheitskrise erhalten. Personenkult kann generell ungesund sein, wer wüsste das besser als der künftige Generalstabsarzt der Regierung selbst, der jetzt schon mehr Gewalt- und Todesdrohungen erhalten haben dürfte als jeder andere Pandemieexperte oder Gesundheitspolitiker.

          Resilienz heißt das medizinisch, wenn man es trotzdem macht. Vielleicht haben ja die recht, die meinen, Lauterbach ist wahrscheinlich der Einzige in Berlin, der das Pandemiemanagement freiwillig übernimmt. Wenn es so wäre, könnte es übel werden. Denn ein Blick in das Arbeitspapier der Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege der Ampel­koalitionäre zeigt auf sechs vollen Seiten, dass es im deutschen Gesundheitssystem nicht nur mit dem Impfen hakt. Ein Lauterbach allein an der Pandemiefont reicht jedenfalls lange noch nicht.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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