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Krisenvorrat : Unterirdisch

  • -Aktualisiert am

War bislang nicht die Frage, ob man zu viele Vorräte hat? Die Auslage im Supermarkt lädt seit jeher zum Hamsterkauf ein. Bild: dpa

Der Bunkerwahn ist ein Relikt der atomkriegstraumatisierten fünfziger Jahre. Dachte man. Wie erklärt man den aktuellen Appell zur Vorratshaltung der Gamescom-Generation?

          Zehn Tage nur! Und dann soll wieder alles gut sein: Der Supermarkt wird wieder beliefert, die Lampen brennen, und das Telefon verbindet uns mit der Welt? Da bleibt die Einkaufsliste überschaubar: Nudeln, Ketchup, Mineralwasser, dazu etwas Hartkäse, fertig. Wie anders war der unterirdische Privatbunker bestückt, den der vagabundierende Vater mit seinem Sohn in Cormac McCarthys apokalyptischem Roman „Die Straße“ zufällig entdeckt, ausgestattet mit Vorräten für mehrere Jahrzehnte. Nur die Furcht vor Menschenfressern, die dumm genug waren, ihre Regale nicht mit Dosen zu füllen, ließ die beiden weiterziehen, statt sich im Kellerparadies dauerhaft einzurichten.

          Mich ließ McCarthys Dystopie kalt, dieser Leitfaden fürs Überleben am Tag danach. Schlimmer noch: Mir fehlte die Vorstellungskraft, dem Text zu folgen. Meinen einzigen Vorratsspeicher für den Ernstfall habe ich bei einem Nachbarn gesehen, da war ich noch ein Kind, wenig später war er zum Partykeller umgebaut. Der Bunker- und Vorratswahn ist ein Relikt der atomkriegstraumatisierten fünfziger, allenfalls noch der terrorverunsicherten siebziger Jahre, und so staunte unser halbwüchsiger Sohn nicht schlecht, als ihm dieser Tage auf einer Schweiz-Reise sein Onkel die helvetische Lage darstellte: dass sich dort unter fast jedem Haus ein Schutzraum befindet, atomsicher, und dass für den Evakuierungfall die Berge ausgehöhlt seien wie der Käse des Landes. Das Schweizer Maulwurfkonzept reicht sogar so weit, dass es dort mehr Schutzplätze als Schützbedürftige gibt, während bei uns unterirdisch gerade einmal Platz für drei Prozent der Einwohner ist.

          Mit Konservendosen gegen Amokläufer

          Der Gamescom-Generation, die Vokabeln wie Bedrohung und Verteidigung immer noch zuerst mit ihren Computerspielen verbindet, können angesichts der „falschen Chalets“ durchaus Zweifel kommen, ob die Schweiz überhaupt existiert oder nicht eine gigantische Real-life-Simulation ist. „Machen wir’s jetzt wie die Schweizer?“, fragte prompt unser Sohn angesichts der Empfehlung der deutschen Regierung, für den Krisenfall vorzusorgen und künftig Lebensmittel für zehn Tage zu lagern.

          Dass das Sicherheitskonzept nichts mit den jüngsten Anschlägen zu tun habe, wird in Berlin eigens betont. Als könnten Konservendosen vor Amokläufern schützen. Minecraft-erfahrene Jugendliche denken da weiter als die Bundesregierung. Einige Tage ohne Essen seien kein Problem, wissen sie und fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, Schmerzmittel zu bunkern. Und fast augenblicklich folgt der herzzerreißende Versuch, mehr Spielzeiten am Computer auszuhandeln, falls demnächst tatsächlich der Strom ausfalle - gleichsam als Vorratsdatenspeicherung.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

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