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Was ist Patriotismus? : Wie ich Amerika verlor

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Der Geburtsort der Schriftstellerin und Literaturkritikern Andrea Scrima: New York City Bild: Reuters

Es dauerte Jahre, bis meine amerikanische Identität verschwand. Heute kommt mir mein Heimatland wie eine Halluzination vor. Zurzeit beantrage ich die deutsche Staatsbürgerschaft, eine ambivalente Angelegenheit.

          Im Jahr 1984, in George Orwells Jahr der heraufziehenden Dystopie, bekam ich ein Stipendium und zog nach Deutschland, in ein Land, das die moderne Dystopie in einem bisher nicht gekanntem Ausmaß verkörpert hatte. Das Stipendium, das sich an Studenten der Vereinigten Staaten und Großbritanniens richtete, war zum Gedenken an die Berliner Luftbrücke ins Leben gerufen worden. Der etwas umständliche Name „Luftbrückendank“ sorgte bei meinen deutschen Künstlerkollegen für Heiterkeit (ich machte seinerzeit als New Yorker Kunststudentin meinen Master an der Hochschule der Künste in Berlin), erinnerte sie jedoch daran, dass beide Deutschlands immer noch besatzungsrechtlichen Beschränkungen unterlagen, und führte zu jener merkwürdigen Mischung aus Irritation, Neid und Respekt, die alles Amerikanische in jenen Jahren hervorrief.

          Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten hat sich seither beträchtlich gewandelt, doch wenn ich als Amerikanerin, die ihr Heimatland im Alter von 23 Jahren verlassen hat, darüber nachdenke, ob mein Leben in Berlin in all den Jahren mich verändert hat und wie dies meine heutige Sicht auf Amerika beeinflusst, fällt mir eine „Star Trek“-Folge ein, in der eine außerirdische Spezies sich im Körper einer Frau einnistet, die gerade gestorben ist. Von verräterischen Stirnfalten und einer ins Graue changierenden Gesichtsfarbe abgesehen, ähnelt die Außerirdische stark der Frau, deren Körper sie bewohnt; sie zehrt von ihrer Vergangenheit, ihren Liebesgeschichten, von ihren Vorlieben und Gewohnheiten, ihren Eigenarten.

          Während der gesamten Episode steht die Frage im Raum, ob die Frau in irgendeiner Weise doch noch am Leben ist oder ob es sich lediglich um ein Abbild ihres verlorenen Selbst handelt, das die Außerirdische sich einverleibt hat. Um das Ganze noch komplizierter zu machen, scheint es sich hier um einen ungewöhnlichen Grenzfall zu handeln, denn in der Selbstwahrnehmung der Frau ist ihr früherer menschlicher Zustand weitgehend erhalten geblieben. Der Arzt an Bord des Raumschiffs gibt ihr eine Spritze, um die äußerlichen Eigenschaften des Aliens zu unterdrücken, woraufhin Stirnfalten und graue Gesichtsfarbe zurückgehen und sie ihr altes Aussehen wiedererlangt. Die ärztlichen Spritzen sollten jedoch nicht nur eine kosmetische Wirkung erzielen; sie sollten den Prozess der Verwandlung aufhalten, in der die Außerirdische immer mehr zu einem eigenständigen Wesen heranreift, während die Person des menschlichen Wirts sich zusehends auflöst. Im Grunde geht es um die Frage, ob sie noch ein Mensch ist. Schon der Gedanke an einen hybriden Zustand erscheint irgendwie suspekt.

          Nach und nach führt Verlust zu Bereicherung

          Ist das eine allzu drastische Metapher? Tatsächlich verliert man wichtige Teile von sich, wenn man in ein anderes Land zieht. Zuerst verliert man seine Sprache: Im Bemühen, Dinge mit einfachen Begriffen zu erklären, verheddert man sich in der fremden Syntax und Grammatik, während man durch die eigenen stümperhaften Sätze stolpert. Als Nächstes verliert man die nationale Identität und alles, was damit zusammenhängt: als Bürgerin, als Angehörige einer ethnischen Gruppierung, als Einheimische. Nach und nach jedoch, und das ist das Merkwürdige, führt Verlust zu Bereicherung: Man lernt die neue Sprache, fühlt sich wohl in der neuen Kultur, man macht Witze, fällt unmerklich in umgangssprachliche Wendungen, und so wird die Sprache zur zweiten Natur: Man denkt und träumt in ihr.

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