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Was ist Deutsch? : Blüh’ im Glanze

Netanel Olhoeft Bild: Julia Zimmermann

Was ist deutsch? Ein Gespräch mit dem jungen Potsdamer Rabbiner Netanel Olhoeft, der findet: „Die Deutschen können ganz gut backen, richtig gut kochen können sie nicht.“

          2 Min.

          Wann haben Sie sich einmal wirklich deutsch gefühlt?

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Israelis mir sagen, dass ich sehr deutsch bin.

          Haben sie einen deutschen Lieblingsdialekt?

          Ja, alle süddeutschen Dialekte, weil die stärker ins Romanische gehen und dann melodischer sind. Hier oben im Norden klingt mir alles ein bisschen zu sehr nach Maschinengewehrsalven.

          Welches Wort in der deutschen Nationalhymne ist Ihnen am wichtigsten?

          „Blühe“. Das klingt für mich nach einer schönen Blume, die aufgehen kann. Darin spiegelt sich für mich das Potenzial für Wachstum, da riecht es ein bisschen nach dem Garten Eden. Der Garten ist in der jüdischen Tradition grundsätzlich mit der Bildung oder dem Lernen assoziiert. Der Garten ist ein Ort, an dem der Mensch fröhlich ist und sich verwirklichen kann.

          Wo ist Deutschland am schönsten?

          Je weiter nach Süden man kommt, desto besser wird es.

          Was ist die beste deutsche Erfindung?

          Der Buchdruck.

          Welches deutsche Essen verachten, welches lieben sie?

          Ich bin Vegetarier und die deutsche Küche ist ja sehr auf Fleisch konzentriert. Das heißt mit Schweinshaxen kann ich nicht so viel anfangen. Ansonsten ist ja auch die Kartoffel typisch deutsch, die finde ich in Ordnung, aber sehr kreativ ist das natürlich nicht. Die Deutschen können ganz gut backen, richtig gut kochen können sie nicht.

          Welche zwei Persönlichkeiten der deutschen Geschichte würden Sie in einem Gespräch gerne miteinander debattieren lassen?

          Ich selbst würde gerne mit Kaiser Otto III. diskutieren, der ja väterlicherseits niedersächsischer Herkunft und mütterlicherseits der Sohn einer byzantinischen Prinzessin, also einer anatolischen Frau war. Er hat versucht, Italien und die deutschsprachigen Gebiete nördlich der Alpen näher im Heiligen Römischen Reich zusammenwachsen zu lassen, hat sogar versucht, einen Regierungssitz in Rom aufzubauen. Ich glaube, dass dieser unbedingte Vereinigungswille verschiedener Welten in seiner zwiegespaltenen persönlichen Biografie begründet ist. Und dann ist er schon mit 21 Jahren gestorben. Mit ihm würde ich gerne darüber reden, was er über Deutschland und seine Zukunft denkt.

          Haben Sie ein Lieblingswitz über Deutschland oder über die Deutschen?

          Ich kenne leider kaum Witze. Ich bin nicht so humoristisch, aber ich vermute, dass die Mehrheit der Witze irgendwie darauf abzielt, dass die Deutschen kontrollsüchtig sind und pedantisch. Mir fällt spontan die angsterfüllte Beschreibung der Germanen im Talmud ein: mit Sorge wird da festgestellt, dass es die Römer nicht geschafft haben, Germanien zu erobern und dass wir alle beten sollten, dass es den Germanen nicht gelingt, den Limes zu überqueren, weil sie sonst die Welt vernichten würden. Was man dann natürlich auf die Völkerwanderung bezogen hat. Aber Leute lesen das natürlich heutzutage auch im Licht der jüngeren deutschen Geschichte – kein Witz, ich weiß, aber etwas Witziges fällt mir zu den Deutschen einfach nicht ein.

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