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Haus der Kunst in München : Ethisches Defizit

Showdown: Geschäftsführer Bernhard Spies (links) und Künstler Ai Weiwei am 13. September im Haus der Kunst Bild: SZ Photo

Im Münchner Haus der Kunst eskaliert der Streit zwischen den Mitarbeitern und der Geschäftsführung. Direktor Bernhard Spies gibt den Elefanten im Porzellanladen. Der Freistaat Bayern sollte überlegen, was ihm sein Museum wert ist.

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          Wenn man ein Museum ist, und ein berühmter Künstler wie Ai Weiwei taucht plötzlich auf, dann müsste man sich eigentlich freuen. Oder zumindest so tun. Auf jeden Fall sollte man Fotos vermeiden, auf denen der Direktor sich vor dem Künstler aufbaut und ihn des Hauses verweist.

          Bernhard Spies, 68, war zum April 2018 als geschäftsführender Direktor ans Münchner Haus der Kunst geholt worden, nachdem Direktor Okwui Enwezor angeblich Schulden von über einer Million Euro angehäuft hatte. Zwei Monate später schied der Nigerianer, der mit seiner Documenta von 2002 Kunstgeschichte geschrieben hatte, aus gesundheitlichen Gründen aus.

          Spies wendete die gleichen Methoden an wie zuvor als Sanierer der Bundeskunsthalle. Erstens: Ausstellungen international renommierter Frauen absagen und durch männliche Künstler der Galerie Michael Werner ersetzen. In Bonn traf es Rosemarie Trockel (ersetzt durch Markus Lüpertz), in München Adrian Piper (ersetzt durch Jörg Immendorf) und Joan Jonas (wieder Markus Lüpertz). Dafür kündigte Spies Übernahmeverträge mit dem New Yorker MoMA (Piper) und der Londoner Tate (Jonas).

          Zweitens: Outsourcing des „aufgeblähten“ Personals. 48 Aufsichten, Kassierer und Pförtner sollen zu Leihfirmen wechseln – was erlauben würde, die Last der Teilschließung bei der anstehenden Sanierung auf die Mitarbeiter abzuwälzen. Zu deren Unterstützung wollte Ai Weiwei am Freitag vergangener Woche Kartenabreißer für die Lüpertz-Ausstellung spielen.

          In einer Pressemitteilung bedauerte das Haus den Rauswurf. In einer E-Mail an die Mitarbeiter, die dieser Zeitung vorliegt, kritisierte Spies dagegen am Mittwoch die „nicht genehmigte Demonstration, die ausschließlich dem Ziel diente, dem Ruf des Hauses der Kunst zu schaden“. Le musée, c’est moi?

          Wem es im Haus der Kunst nicht mehr gefalle, drohte Spies, der „sollte gegenüber den anderen Kollegen so fair sein und kündigen“. Weiter machte er die Registrarin für „erhebliche Gesetzesverstöße und Fehler“ verantwortlich. Zufällig ist diese auch Betriebsratsvorsitzende. Am Donnerstag erging dann eine Abmahnung, die für den Fall einer weiteren Aktion wie der von Ai Weiwei mit Auflösung des Betriebsrats droht. Dieser gab am Freitag in einer Pressemitteilung die Vorwürfe zurück: Die „permanente Wiederholung des Geschäftsführers, dass sich das Haus der Kunst in einer finanziellen Schieflage befindet, könnte man als eher rufschädigend erachten“.

          Spies erläutert in seinem Brief, das Museum habe 800.000 Euro an den Freistaat zurückzuzahlen. Wirklich? Ist das alles? Hessen und Kassel haben die Documenta mit 7,6 Millionen Euro entlastet. Spies mag etwas von Geld verstehen, aber wenig von dessen Beziehung zu den entscheidenden Kapitalsorten, mit denen ein Museum handelt: dem künstlerischen und dem ethischen Kapital.

          Beide, mühsam aufgebaut und gepflegt von Enwezor und zuvor Chris Dercon, werden von Spies verspielt, wenn er Mitarbeiter, Künstler und zwei der bedeutendsten Museen der Welt brüskiert. Schon der Umgang mit dem im März verstorbenen Enwezor, dessen El-Anatsui-Schau jüngst die bestbesuchte seit der von Ai Weiwei vor zehn Jahren war und jetzt nach Doha, Bern und Bilbao wandert, war provinziell und unter aller Würde. Will sich Bayern ein weiteres ethisches Defizit leisten?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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