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„Was ihr wollt“ in Hamburg : In Schwüren stark

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Die Idylle als Kalauerhöhle: Mirco Kreibich, Bruno Cathomas, Karin Neuhäuser, Jonas Landerschier, Alexander Simon und Jens Harzer am Hamburger Thalia Bild: dpa

Der Regisseur Jan Bosse, geschätzt für seine spielerisch leichten Klassikerinszenierungen, hat sich Shakespeares Liebeskomödie in Hamburg vorgenommen, am Originaltitel „Twelvth Night“ orientiert und den letzten Abend einer abgerockten Gesellschaft inszeniert.

          Der Schauspieler Bruno Cathomas ist, man kann es, wenn man seine Karriere vor Augen hat, nicht anders sagen, an diesem Abend im Hamburger Thalia Theater mal wieder ganz bei sich. Er darf, Leopardenshorts unter tiefhängender Hose, das rote Hemd bis zum Bauchnabel offen, sich zum Entre gleich mal einen Eimer Wasser über den Kopf gießen, in der Lache herumrutschen, nach dem Eimer grapschen, hinfallen, grapschen, sich hinlegen und dann darüber aufregen, dass er „einen Slapstick mit 'nem Eimer“ machen muss.

          Er wird sich als eine der Buffo-Figuren, die es in Shakespeares „Was ihr wollt“ gibt, Mousse au Chocolat auf den Hintern klatschen lassen (man kann ohne Übertreibung sagen, dass er das meistgezeigte Bauarbeiterdekolleté im deutschen Theater sein Eigen nennt), mit seinem Kollegen Jörg Pohl eine hinreißende „Ich-versteck-mich-auf-einem-Bein-stehend-mitten-auf-der-Bühne“-Nummer (mit ein paar Blättern als Tarnung) hinlegen, bei der nicht einmal seine Kollegen ernst bleiben können. Zu dem, was Cathomas und Pohl als arg beschränkte Trinker namens Rülp und Bleichenwang an Slapsticknummern bieten, sagt die Kollegin Karin Neuhäuser, die den Narr spielt und ihnen an Komik in nichts nachsteht, recht trocken: „Das ist ganz großes Tennis.“ Nur dass zu einem Tennisspiel, das wirklich groß ist, ein würdiger Gegner gehört. Der aber fehlt.

          Der Regisseur Jan Bosse, geschätzt für seine spielerisch leichten Klassikerinszenierungen, hat sich Shakespeares Liebeskomödie vorgenommen und sich am Originaltitel „Twelvth Night“ orientiert und den letzten Abend einer abgerockten Gesellschaft inszeniert. Auch in der zwölften der Rauhnächte, der Nacht vor dem Dreikönigstag, wurde im Mittelalter in England wüst gefeiert. Bosse hat sich für seine unendliche Party von Stephane Laimé einen hinreißend-kitschigen Kunstraum bauen lassen: einen Rundprospekt mit idyllischen Hügeln, davor drei Bäume, Lianen und ein Greif hängen vom Bühnenhimmel, und zwischen allerlei Grünzeug stehen ein riesiger rosafarbener Frosch und eine Art Steinbock.

          In der Mitte sitzt der Musiker Jonas Landerschier an seinem Keyboard. Er, der mit Rocko Schamoni und Christian Dabeler die Musik schrieb, soll den Takt für die Schauspieler vorgeben, die - immer alle auf der Bühne - in diesem Illyrien festsitzen, das zur Kalauerhölle wird. Und in dem alle schon so viel gefeiert haben, dass es ihnen schwerfällt, sich noch einmal der alten Sucht hinzugeben, nach der Liebe zu suchen. Herzog Orsino, bei Alexander Simon ein müder, alternder Rockstar mit Koteletten, Klunkern an den Fingern und Ketten um den Hals (Typ: Keith Richards), versucht lustlos in Stimmung für seine Gunstattacken auf die hartnäckig ihn abweisende Gräfin Olivia zu bleiben, die bei Bibiana Beglau so aussieht, als habe sie auch schon einige harte Nächte hinter sich gebracht (Typ: Courtney Love). In dieser Gesellschaft, in der fast jeder nach knapp sechs Uhr morgens aussieht, nach dem Moment, in dem die Kräfte, der Elan und die Phantasie verloren gehen, aber noch niemand so recht nach Hause gehen will (schon gar nicht allein), strandet nun die Person, die hier ganz alleine das Gegengewicht zu stemmen hat: Viola.

          Großer Spaß und rasender Stillstand

          Der gut trainierte, schmale und blonde Schauspieler Mirco Kreibich spielt diese Gestrandete, die sich zum eigenen Schutz als Mann verkleidet, in die Dienste des Herzogs tritt, die sich ganz aufrichtig in ihn verliebt und zu dessen Gesandten für die Liebesbekundungen an die Gräfin wird, die sich mit dem ersten, gierigen Blick auf den jungen Mann stürzt, der keiner ist. Mirco Kreibich muss außerdem in die Rolle von Violas Bruder Sebastian schlüpfen (“Und jetzt spiele ich auch noch den Zwillingsbruder“), der ebenfalls nicht ertrunken ist - irgendwann auftaucht und sich gleich sehr bereitwillig einlässt auf die Ehe mit der Gräfin, die in ihm den geliebten Boten sieht. Doch er hat als etwas hölzern wirkende Unschuld absolut keine Chance.

          Nicht gegen „diese beiden Neandertaler“ (Cathomas und Pohl), nicht gegen den kalauernden Narren der Karin Neuhäuser (“Warum haben Männer ein Chromosom weniger als Schweine? Damit sich ihr Schwanz nicht kringelt“) und auch nicht gegen Hofmeister Malvolio, den Jens Harzer als Spießer spielt, der gern den Schwerenöter in sich entdecken würde - und der dafür am Ende im gelben Body, in schwarzen Netzstrümpfen und gelben Socken dasteht. Für den Liebenden zwischen all den Gierigen gibt es hier, anders als bei Shakespeare, auch kein Happy End. Die Geschwisternummer nehmen weder die Gräfin noch der Herzog ihm, dem Zwitterwesen, ab.

          Herzog Orsino singt mit Vorliebe „I am not sorrowful, I am just tired of everything I ever desired“, und der Narr sagt irgendwann: „Identität ist ja heute sowieso etwas hoffnungslos Instabiles.“ So instabil wie die Identitäten ist auch diese Inszenierung, die zwar großen Spaß bietet und allerhand rasenden Stillstand, aber - es ist ein musikalischer Abend - nie den Rhythmus, den richtigen Beat findet.

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