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NS-Raubkunst : Ein Staat flieht nach vorn

Die jüngste Restitution: Kulturstaatsministerin Monika Grütters übergibt Francine Kahn, Großnichte des Kunstsammlers Armand Dorville Werke von Jean-Louis Forain und Constantin Guys Bild: dpa

Die Erforschung des Nachlasses von Cornelius Gurlitt läuft aus. An ihrem Anfang stand ein staatlicher Fehler. An ihrem Ende steht ein umfassender Kulturwandel.

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          Immer wieder war dieser Tage zu lesen, die Erforschung des Nachlasses von Cornelius Gurlitt sei abgeschlossen. Eine entsprechende Erklärung findet sich allerdings nirgends, sie wäre angesichts der bescheidenen Bilanz auch gar nicht im Interesse der Bundesregierung. Auch im Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste betont man, dass dessen zweiter Forschungsband kein Abschlussbericht sei („Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung“, hrsg. von Andrea Baresel-Brand, Nadine Bahrmann und Gilbert Lupfer, De Gruyter, 188 Seiten, 39,95 Euro).

          Was mal ein Schlüssel zum Unrecht und dessen Wiedergutmachung schien, zerbröselt in den Händen der Forscher in endlose offene Fragen. Ein juristischer Vorgang wurde zu einem politischen wurde zu einem wissenschaftlichen. Und weil er weiterhin politisch ist, wurde auch das letzte Gurlittsche Familienfoto zum Forschungsinteresse. Seit die Magdeburger Forscher 2016 die internationale Taskforce beerbten, prüften sie 1039 Werke. Studierten Briefe und Fotos. Und sammelten wenige neue Fährten zum Wirken von Hitlers oberstem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt. Am interessantesten sind die in die Nachkriegszeit, als Gurlitt sich von Kunstmarktkollegen entlasten ließ und als Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins im wieder aufblühenden Handel mit der Moderne mitmischte – auch mit Werken, die einst in Museen hingen, als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und nun von Gurlitt unter eigenem Namen verkauft wurden.

          Wie wenige der im Besitz des Sohns verbliebenen 1566 Werke von größerem Wert waren (es gab nur 130 Ölgemälde) und wie wenige von Brisanz, war schon in den Ausstellungen der Sammlung in Bonn, Bern, Berlin und Jerusalem zu sehen. 14 Werke konnten immerhin restituiert werden. Die anderen vermachte Gurlitt dem Kunstmuseum Bern. Seine Dokumente gehen jetzt ans Bundesarchiv. Bahnbrechende Ergebnisse sind nicht mehr zu erwarten. Und so wird sich wohl kein besserer Zeitpunkt finden als dieser, um noch einmal daran zu erinnern, wie ein staatlicher Fehler einen umfassenden Kulturwandel herbeigeführt hat, was den staatlichen Umgang mit Kunstschätzen angeht.

          Flächendeckende Aufklärung großen Unrechts

          Der Fehler bestand darin, dass der greise Cornelius Gurlitt ohne Rechtsgrundlage von seinem Lebensinhalt getrennt wurde, den Werken seines Vaters, die er über Jahrzehnte geschmuggelt, gehortet und vereinzelt verkauft hatte. Als 2013 bekanntwurde, dass die Bayerische Staatsanwaltschaft seit eineinhalb Jahren Gurlitts Kunst hortete, obwohl sie nur in Steuersachen ermittelte, trat der Bund die Flucht nach vorne an, drehte die Suchscheinwerfer in den letzten Winkel von Gurlitts Vermögen und schließlich, indem er Millionen für Provenienzforschung bereitstellte, auch in jedes staatliche Museumsdepot. So führte das Gurlitt angetane Unrecht endlich zur flächendeckenden Aufklärung unermesslich viel größeren Unrechts.

          Unter den nun überall wie Pilze aus dem Boden schießenden Provenienzforschungs-Ausstellungen ist „Der Traum vom Museum ,schwäbischer‘ Kunst“ im Kunstmuseum Stuttgart eins der lohnenderen Beispiele (bis 1. November). Die Recherchen in den Depots führten nicht nur zu Restitutionen, sondern auch zur sehenswerten Darstellung der Versuche, vom 19. Jahrhundert bis in den Nationalsozialismus eine schwäbische Kunst zu entwerfen. Und zwingen sogar lokale Galerien zur Neubewertung des Verhaltens ihrer Vorfahren während des Nationalsozialismus.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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