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Musik beim Einheits-Festakt : Was ihr wollt

  • -Aktualisiert am

Ein Ende kann ein Anfang sein, auch für Dich: Roland Kaiser beim Festakt zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit in der Potsdamer Metropolishalle Bild: Reuters

Es gibt viele Lieder, die den Weg zur deutschen Wende mit geebnet haben. Beim Festakt in Potsdam hörte man aber Schlager von Roland Kaiser und Mark Forster. Wie passt das zum Wunsch des Bundespräsidenten, ein Denkmal für die friedliche Revolution zu schaffen?

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          Welches Lied liefert den Soundtrack der Wende? Während viele vielleicht intuitiv „Wind of Change“ von den Scorpions nennen würden, wird schon beim zweiten Nachdenken klar, dass auch das natürlich nicht nur individuell sehr unterschiedlich, sondern womöglich noch immer eine Ost-West-Frage ist. Bei einer Umfrage des MDR-Radios „Jump“ vom Herbst vergangenen Jahres jedenfalls landeten die Scorpions nur auf Platz sieben; auf eins lag „Dein Herz“ von IC Falkenberg.

          Der unter diesem Künstlernamen auftretende Sänger aus Halle an der Saale sang darin 1988: „Fühlst du dein Herz, es bricht jedes Eis“. Auf den vorderen Plätzen außerdem: „Als ich fortging“ von Karussell, „Verlorene Kinder“ von Silly, „Über sieben Brücken musst Du gehn“ von Karat sowie auch „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Auf der Liste von insgesamt fünfzig Liedern, die Hörer zum „Sound der Wende“ wählten, spiegelte sich in sehr interessanter Weise deren vermischte Empfindung in der Angelegenheit: Also einerseits „Don’t Worry be Happy“ von Bobby McFerrin, andererseits „Twist in My Sobriety“ von Tanita Tikaram. Einerseits „Another Day in Paradise“ von Phil Collins, andererseits „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode. Und auf weiteren Plätzen: Klaus Lage mit „Hand in Hand“, dem Titelsong des ersten gesamtdeutschen „Tatorts“ von 1990, sowie „Pump Up the Jam“ von Technotronic.

          Festakt in der Mehrzweckhalle

          Was sollte man im Lichte dieser Zerrisenheit nun also für Musik wählen für den offiziellen Festakt zur Feier von dreißig Jahren deutscher Einheit in Potsdam? Das war eine schwierige Frage, aber mit dem ersten dort auf der Bühne gesungen Lied hätte wohl wirklich niemand gerechnet: „Alles was du willst“ vom westdeutschen Schlagersänger Roland Kaiser. Es stammt aus dem Jahr 1995 und war damals Titelsong der RTL-Serie „Dr. Stefan Frank“. Schon klar: Es sollte in Potsdam offenbar gerade keine nur zurückschauende Gedenkveranstaltung werden, sondern eine, die möglichst vage bleibt, eine Art kleinster gemeinsamer Nenner. Die Feier-Ästhetik sollte – das mag auch mit der Pandemie zu tun haben – offensichtlich das Gegenteil von pompös sein: kein Schloss, sondern eine Mehrzweckhalle. Mit Sicherheit auch das Gegenteil von dezent oder grazil, blickte man auf die wie bei Bildschirmschonern zerfließenden Deutschlandfahnen im Bühnenhintergrund. Und wer hier gar klassische Musik erwartet hatte, bekam stattdessen die von Mark Forster: „Die Welt ist klein und wir sind groß.“

          Muss eine offizielle Feier der Bundesregierung wirklich den belanglosen Fernsehkitsch von „The Voice of Germany“ nochmal verdoppeln? Und wie passt diese Gegenwartsfixiertheit dazu, dass die Pointe der etwas länglichen Rede des Bundespräsidenten doch war, ein Denkmal für die friedliche Revolution zu schaffen? In der Popmusik sowohl der DDR als auch der BRD sind genau diese Denkmäler schon vorhanden, denn sie hat auf vielfältige, teils die Zensur geschickt unterlaufende Weise mit dazu beigetragen, dass es überhaupt zur Wende kam.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

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